Schlagwort-Archiv: stadtkultur

Veränderung

Gibt es einen besseren Zeitpunkt als einen Jahreswechsel, um über Veränderungen nachzudenken und zu schreiben? Es ist ja schon fast zu einem Ritual  geworden, dass man sich viel für das neue Jahr vornimmt, Wünsche und Veränderungen – aus individueller Sicht hin zum Positiven.
Auch Obama hatte das Thema “Change” zu seinem Wahlkampfthema gemacht, generell ein Lieblingsthema der Politiker – in jedem Wahlkampf wird der notwendige Wandel propagiert, es muss sich was ändern, damit es Allen zukünftig besser geht. Aber die Erfahrung hat gezeigt, es ändert sich meistens nichts – oder?

Ein Rundgang durch die Innenstadt nach Neujahr ist sehr entspannend, die Fußgängerzone wie ausgestorben, man kann ungestört bummeln und schauen. Die Geschäfte und viele Restaurants haben geschlossen, auch bei meinem Bäcker sind die Rollos heruntergelassen – aber etwas ist anders, das Schild im Fenster: “Time to say Goodbye”! Ich stehe da, schaue ungläubig, das kann doch nicht sein? Familienbäckerei, ein kleiner Laden, in dem sich Verkäuferinnen und Kunden gegenseitig auf den Füßen standen, gute Ware, immer voll. Hier hat sich zum Jahreswechsel also eine Veränderung ergeben. Zum Positiven? Für mich und die anderen ehemaligen Kunden, die Angestellten, die Stadtkultur?

Es geht mir nicht aus dem Kopf, dieses eigentlich banale Ereignis. Ich gehe weiter – da, der Optikerladen steht auch leer; im ehemaligen Eiscafe Lido ist jetzt ein “Coffee-Shop” – noch einer . . . Warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen? Die meisten Veränderungen passieren scheinbar einfach so, meist unbemerkt, im Kleinen, kontinuierlich und permanent. Die wenigen Menschen, die mir begegnen – ich schaue in ihre Gesichter, versuche darin zu lesen. Hat sich was verändert? Ich kann nichts erkennen. Der Mensch ist von Natur aus immer auf der Suche, nach Neuem, nach ultimativen Erlebnissen – dem “Kick”, wie man es auch sagen könnte. Die Eventkultur, in der jedes noch so banale Ereignis zu einem Spektakel gemacht wird, die Unmenge an Informationen und spektakulären Katastrophenmeldungen, in denen z. B. ein normaler Winter zum Schneechaos hochstilisiert wird, all das trägt diesem Drang Rechnung – und doch hört der Mensch nicht auf, Veränderungen herbeizusehnen. Dabei bemerkt er nicht mehr, was um ihn herum vorgeht, er ignoriert die Veränderungen, die in ihm und um ihn herum bereits laufend stattfinden, fast als würde die Erlebnisflut wie eine Lawine alles Empfinden unter sich begraben.

Eine Veränderung um der Veränderung willen bewirkt nichts – und herbeireden und -wünschen kann man sie schon garnicht, besonders, wenn das Empfinden für den Sinn der Veränderung abhanden gekommen ist. Wenn eine Veränderung etwas hin zum Positiven bewirken soll, müssen wir uns umschauen und hinschauen, um wahrzunehmen, was passiert, was sich hinter dem Spektakel verbirgt – vielleicht haben wir dann eine Chance, negativen Veränderungen entgegenzuwirken und positive Veränderungen voranzutreiben, wenn wir es wirklich wollen. Wenn ich einen Wunsch, einen Vorsatz für das neue Jahr hätte, für mich ganz persönlich, dann – schauen, hinschauen . . . denken . . . abwägen . . . entsprechend handeln!