Schlagwort-Archiv: moral

Am Beispiel Japan

Vor einigen Tagen hat sich in Japan eine Katastrophe ereignet,  deren Ausmaß sich niemand, der nicht davon betroffen ist, auch nur annähernd vorstellen kann. Unser lokales Fernsehen bemüht sich jedoch nach Kräften, dieses Informations-Manko zu beheben und versorgt uns permanent “live” mit den neuesten Meldungen zum aktuellen Stand der Dinge . . . oder?

Es war ein Erdbeben der Stärke 8,9 – gefolgt von diversen, kleineren Nachbeben und einem Tsunami mit meterhohen Wellen. Die ersten Bilder zeigten eine unvorstellbare Zerstörung an der Nordostküste Japans bis weit hinein ins Landesinnere. Die weltweite Betroffenheit und Anteilnahme war immens, verständlich, schließlich war es eine der schwersten Katastrophen, die Japan je getroffen hatte. In den Nachrichten und in den diversen Sondersendungen, die umgehend ausgestrahlt wurden, sah man Politiker, Moderatoren, Experten, Prominente … die entsprechend dem Anlass ein Statement ihrer persönlichen Betroffenheit abgaben – da schlich sich irgendwie ein Unbehagen ein, eines, dass abseits des eigentlichen Anlasses begründet war und mich irgendwie an eine Passage gleich auf der ersten Seite des Buches Mit mir, ohne mich” von Karl-Markus Gauß erinnerte: “Als ich den Fernseher einschaltete […], war ein grinsender Mann zu sehen. […] Erst mit den nächsten Bildern […] erfuhr ich, was geschehen war. Seit Vormittag brannte es im Tunnel, eine nicht bekannte Zahl von Menschen war verbrannt, erstickt […]. Nicht dass es ihn freute, dass Menschen gestorben waren! Aber die mediale Präsentation hatte sich von ihrem Anlass emanzipiert, […].“ Das war das Unbehagen – erst die angemessen zur Schau gestellten “Betroffenheitsmienen”, danach eine sich verselbstständigende Art und Weise der TV-Berichterstattung, eine “Erwartungseuphorie”, die auf den nächsten “Höhepunkt” zusteuerte.

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Sex + Crime

Laut Statistik hat der Fernseh-Konsum letztes Jahr wieder stark zugelegt – besonders im Osten der Republik. Ist das Programm soviel besser geworden oder was ist es, das die Bundesbürger dazu treibt, im Durchschnitt ~220 Minuten täglich vor dem Fernseher zu verbringen?

Das Leben in bewegten Bildern, aus unserer Gesellschaft nicht mehr wegzudenken. Eine Besonderheit, auch in unserer Republik – neben den Privatsendern gibt es das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das per Staatsvertrag (RStV) den Bildungsauftrag hat, das “Leben” seinen Zuschauern nahezubringen.

“Als Bildungsauftrag wird die Aufgabe staatlicher Institutionen bezeichnet, für die Allgemeinheit geeignete Bildungsangebote zu erarbeiten und bereitzustellen. Er gilt prinzipiell für alle geförderten Bildungseinrichtungen, meist ist aber der Auftrag für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gemeint – insbesondere in den Bereichen Kunst, Kultur und politische Bildung.
Zu den Bildungsaufgaben zählt neben der Wissens- und Kulturvermittlung auch das Verständnis für soziale, kulturelle und geschichtliche Zusammenhänge, die religiöse und politische Bildung. Heute sind auch Bereiche der Wertevermittlung wichtig, etwa die Förderung von Toleranz, Aufgeschlossenheit, Ehrfurcht vor Mitmensch und Natur.

Für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk bzw. das Fernsehen ergibt sich der Bildungsauftrag bereits aus der Möglichkeit oder Pflicht, Rundfunkgebühren einzuheben.” (aus Wikipedia)

Somit wäre es verständlich, wenn immer mehr Menschen dieses Bildungsangebot annehmen – man will ja schließlich teilnehmen am „Leben“ und wissen, was in unserer Gesellschaft so passiert. Aber wird das Angebot dem Bildungsauftrag auch gerecht, ist dies das Leben – das wahre Leben? Schauen wir uns nur als Beispiel einmal zwei Sendungen aus dem umfassenden Angebot an:  ARD und ZDF zeigen immer wochentags jeweils 17:15 in einem Magazin die bunten Facetten des Tages. Das eine heißt ››Brisant‹‹, das andere ››Hallo Deutschland‹‹.

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Moralische Unzweideutigkeit

Die Philosophin Susan Neiman äußert sich nach der Wahlschlappe für die Demokraten in einem Interview zu Obamas Nöten und dem Versagen der amerikanischen Linken.

Nicht dass ich hier die Situation der Linken oder gar die Gefahr eines bevorstehenden Bürgerkrieges postulieren möchte, aber es könnte zumindest eine Mahnung, eine Aufforderung zum Denken und Handeln sein. Wenn man sich die Thesen von S. N. genau durchliest, erkennt man gewisse Parallelen zu der bei uns vorherrschenden Politiklandschaft, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Im Gegensatz zu den USA scheinen sich derzeit weite Teile unserer Bevölkerung auf andere Werte rückzubesinnen und nehmen das konservativ-neoliberale Politikergebaren nicht mehr kritik- und widerspruchslos hin; die allgemein dem linken Spektrum zuzuordnenden Parteien treten dementsprechend zunehmend selbstbewußter auf. Dies hat auch viel mit Moral zu tun – wie man sie definiert, wie man sie kommuniziert – und wie / ob man danach handelt.

Auszug aus dem Interview:

ZEIT: Der Philosoph Richard Rorty hat der amerikanischen Linken vorgeworfen, […] die Liebe zum eigenen Land verloren zu haben?

Neiman: Ich glaube schon. Das war ein Grund, warum ich mein Buch “Moral Clarity” geschrieben habe – auch um die Linke anzuklagen. Sie hat beste amerikanische Werte, die auch in der Bürgerrechtsbewegung präsent waren, einfach aufgegeben.

ZEIT: Moral Clarity, moralische Unzweideutigkeit, ist eine Formulierung von George W. Bush.

Neiman: Sowohl in Amerika als auch in Europa sehen Linke den Appell an die Moral als eine Sache der Rechten. Damit schneiden wir uns ins eigene Fleisch, weil wir die stärksten Begriffe gerade denen überlassen, die geneigt sind, sie zu mißbrauchen. […] Wie Obama sagt: Wenn die Linke nicht zu bestimmten [amerikanischen] Dingen stehen kann, sind wir verloren.

Die Zeit #46 – 11.11.2010, Seite 14
”Wir nähern uns einem Bürgerkrieg”