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Briefeschreiben – nur eine Tradition?

Sorry, ein Tintenklecks

Esslingen, den 18. März 2011

Mein Lieber “Freund”

ich sitze hier in meiner Lese-Ecke ohne zu lesen und träume vor mich hin – ich denke an Dich und darüber nach, warum wir in letzter Zeit so selten Kontakt zueinander haben. Du magst jetzt einwenden, dass wir doch regelmäßig Meldungen im Netz austauschen, aber das ist nicht, was ich meine. Wann haben wir uns das letzte Mal ausgetauscht, miteinander beschäftigt? Vielleicht sollte ich Dir ‘mal einen Brief schreiben in der Hoffnung auf eine ebensolche Antwort – Nein, falsch, ich schreibe Dir einfach! Da kann ich Dir gleich über mein neuestes Lesevergnügen berichten, so wie früher, als wir unseren Briefen immer lange Listen mit “unbedingt lesen …” beigefügt haben.

Du erinnerst Dich an das Regal gleich rechts von meinem Esstisch? Da habe ich jetzt mein “Sammelsurium” eingerichtet; so nenne ich sämtliche Bücher, die irgendwie thematisch in den anderen Regalen nicht einzuordnen sind. Auf dem Brückenflohmarkt letztes Jahr habe ich mir die 3-bändige Ausgabe des Briefwechsels zwischen Schiller und Goethe gekauft – die steht auch im Sammelsurium; jedesmal beim Frühstück schaue ich darauf und irgendwann habe ich angefangen, darin zu blättern, zu lesen, habe mich immer weiter darin vertieft: es war ein Erlebnis! Danach wurde es fast zu einer Manie, bei jedem Stadtbummel habe ich in Briefwechseln in Buchform geblättert und natürlich auch einige gekauft.
Du weißt wie begeistert ich von Hannah Arendt bin, dieses klare Denken und diese präzise Sprache; Du wirst überrascht sein, wenn Du ihren Briefwechsel mit Karl Jaspers – besonders ihre Briefe aus den Anfangsjahren 1926/27 liest: ihr Denkstil war bereits erkennbar, aber der Schreibstil – fast devot und unterwürfig, sehr überraschend.
Und dann F. Scott Fitzgerald und seine Zelda – Du kennst ja den Lebenslauf der Beiden, das chaotische Leben, das sie führten. Bezeichnenderweise heißt das Buch mit ihren Briefen“Lover!”. Wenn man diese Briefe gelesen hat (“. . . der größte Teil des Lebens ist sowieso ein Wiederaufwärmen der Tragödien und des Glücks, aus denen es bestand, bevor wir angefangen haben, nach Gründen dafür zu suchen.” Zelda 1934), versteht man, wie Bücher wie “Zärtlich ist die Nacht” oder “Die Schönen und Verdammten” entstehen konnten.

Ich höre Dich schon sagen “Ist doch alles Schnee von gestern!” – weit gefehlt, in den letzten Jahren waren kurzzeitig sogenannte Romane in Briefform im Aufwind. Da ist z. B. Antonio Tabucchi (ja, genau der Tabucchi von “Erklärt Pereira”) – in seinem Buch “Es wird immer später” reflektiert der Briefeschreiber sein Leben, in 18 Briefen an ehemalige Lieben, tote, verschwundene, erfundene … Mein Tipp: je 1 Brief vor dem Einschlafen und Du schläfst beseelt und glücklich ein.
Aber als besonderes Buch möchte ich Dir “Reich der Verluste” von Erika Pluhar (ausgebildete Schauspielerin am Burgtheater Wien) ans Herz legen. Ich habe einiges von ihr gelesen, aber das ist das Beste. Es fängt banal an: Magda “die Schwermütige auf der fernen Insel” schreibt an die Hausmeisterfrau Maria, weil sie das Fenster in ihrer Wohnung bei ihrer Abreise hat offenstehen lassen. Daraus entsteht ein intensiver Briefwechsel, über den Magda zu ihrem Leben zurückfindet – und Maria die Lust am Schreiben, die Macht der Wörter entdeckt: “was immer sie erobert oder gewonnen haben, ihr verschwiegenes Leben kreist um das Entbehrte, um die Verluste”.

Fange mit dem letzten Buch an und dann schreibe mir Deine Eindrücke und Gedanken dazu – muss ja nicht unbedingt handschriftlich sein, nutze ruhig Deinen geliebten iPad – aber bitte mit Umschlag und Briefmarke!

Alles Liebe, Dein (momentan etwas nostalgisch gestimmter) V.

 

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Fernsehen wird „innovativ“

Es vergeht wohl kein Tag, an dem man nicht über das uniformierte, banale und weichgespülte Fernsehprogramm frustriert ist. Haufenweise Kochsendungen, Tierparksendungen, natürlich Sportsendungen als hervorragendem Werbeträger, daily- und doku-soaps mit viel Liebe und vielen Intrigen à la Dallas, etc. – und das ganze untermalt von zahlreichen Kommentaren von “Experten” und “fundierten” tagesaktuellen Diskussionen. Aber jetzt droht Abhilfe:

Revolutionierte Erzähltechnik – Ersetzen TV-Serien wie „The Wire“ den Roman?

Unter diesem Titel wurde auf 3sat in Kulturzeit vom 06.10.2010 ein Beitrag gezeigt, der fast euphorisch ein neues TV-Zeitalter heraufbeschwört. Für jemanden, der gerne liest, ist das eine vielversprechende Ankündigung – also lehne ich mich entspannt zurück und lausche mit voller Aufmerksamkeit dem Kulturbeitrag.

Zitat: “Sie gilt derzeit als eine der besten aller Serien: „The Wire“ aus den USA; der Macher: ©ap_david_simon_kulturzeit.deDavid Simon, der Balzac unserer Zeit?. Fernseh-Produktionen stechen Hollywood-Filme aus und revolutionieren die Erzähltechnik. „The Wire“ beobachtet den Drogenhandel in Baltimore und folgt dabei abwechselnd der Perspektive von Polizisten, Journalisten, Politikern und Dealern. Die Machart der Serie ist dokumentarisch gestaltete Fiktion. Statt, wie bei Serien üblich, jede Episode für sich abzuschließen, breitet die Story sich über epische 60 Stunden aus. Die Kamera erzählt so gut, dass die Grenze zwischen Fiktion und Realität zu verwischen scheint.  Das macht die Serie „The Wire“ auch für die Film- und Literaturtheorie interessant. Das ist das Brillianteste, was man an Narration momentan – nicht nur im Fernsehen – haben kann, sagt der Schriftsteller Ulrich Peltzer. Was die narrativen Strukturen betrifft, ist ‚The Wire‘ interessanter als 90 Prozent der Gegenwartsliteratur.“      Mehr von diesem Beitrag lesen

Buchempfehlung: Max Frisch

“Entwürfe zu einem dritten Tagebuch”, Suhrkamp 2010, ISBN 978-3-518-42130-7

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass diese Notizen aus den Jahren 1982/83 veröffentlicht wurden: Der Stiftungsrat des Max-Frisch-Archivs hat eine Kopie dieser Aufzeichnungen von der ehemaligen Sekretärin Frisch’s erhalten und publiziert, obwohl Frisch sein Handexemplar und alle Spuren und Vorarbeiten vernichtet hat, also dieses Tagebuchfragment mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zur Veröffentlichung autorisiert hätte.
Dies wäre allerdings ein Verlust gewesen, denn es “ist durchaus lustvoll, wie der alternde Autor sich zusieht beim Hinüberdämmern in einen anderen Zustand schöner Kraftlosigkeit”, wie Die Zeit schreibt. Frisch bleibt auch hier seinem Anspruch treu; das Tagebuch als Komposition, als literarische Kunstform, in dem jeder Eintrag in Beziehung zu den anderen Einträgen steht – wie bereits in den Tagebüchern für den Zeitraum 1946 – 1971. Etwas jedoch ist anders – die Einträge sind persönlicher, geben einen tieferen Einblick in das “Seelenleben” eines 71-jährigen, der müde ist, zunehmend gleichgültig den Dingen gegenüber, aber gerade in dieser Müdigkeit den Weg zur Freiheit und Gelassenheit findet. Das ist es, was dieses Fragment so lesenswert macht, “das Zugrifflose, das Zarte und Herbstmilde dieser Texte”.

weiterführender Link Die Zeit #15 – 08.04.2010

Leben als Oase –
der Tod als die Wüste ringsum –
Woher will ich das wissen? –
© Max-Frisch-Archiv, Suhrkamp

imageSchade, dass es dem Verlag nicht gelungen ist, das Buch entsprechend zu präsentieren. Insgesamt ist das Buch irgendwie lieblos gestaltet; ärgerlich ist, dass jedem Eintrag eine eigene Seite gewidmet ist, sodass teilweise nur zwei Zeilen auf einer Seite zu lesen sind. Eine Möglichkeit wäre gewesen, die jeweilige Anmerkung im Anhang direkt bei der Tagebuchnotiz zu zeigen; ebenso gehört das Nachwort nach vorne, als Vorwort! Aber sei es drum – die Gestaltung sei nur am Rande erwähnt – wer Max Frisch mag und mehr über sein Innenleben und seine persönlichen Gedankengänge erfahren möchte, sollte dieses Buch unbedingt lesen.

Ein Tag im Jahr

Über den Drang zu Schreiben im Allgemeinen und über Tagebücher im Besonderen.

Es ist wohl ein weltweites Phänomen, dieser innere Drang zu Schreiben – seine Gedanken “zu Papier zu bringen”, wie man wohl in grauen Vorzeiten vor der Internet-Ära mit seinen Weblogs etc. gesagt hätte. Unabhängig von den benutzten Medien und Hilfsmitteln ist dieser Drang ungebrochen – aber warum, was treibt die Menschen dazu an, warum und was schreiben sie?
Ich kann mich erinnern, dass meine Faszination für das Schreiben mit der Ausbildung meiner Handschrift begann; ich war einfach fasziniert von dem, was ich da sah – der Inhalt war zweitrangig. Später entwickelte ich ein Faible zu schönen Stiften und zu bevorzugt in schwarzem Leder gebundenen Notizbüchern, der mich teils gänzlich unmotiviert zum Schreiben verleitete – Schreiben um des Schreibens willen, das handwerkliche, die Tätigkeit als solche, bis dann später das inhaltliche in den Vordergrund trat. Dieser Drang ist bis heute ungebrochen, trotz aller elektronischen Hilfsmittel mache ich mir immer noch Notizen auf Zetteln und PostIt’s – einfach weil es mir Spass macht.

Im Vorspann zu einer 5-teiligen Serie über Schriftsteller und die Veröffentlichung von eigenen Manuskripten auf literaturcafe.de ist folgendes zu lesen: “Etwa eine halbe Million Menschen, so wird geschätzt, sitzen in den Wohnzimmern der Republik vor Laptops oder sogar Schreibmaschinen und verfassen »Romane« Ihr Ansatz: autobiografisch”.

H. A. Denktagbuch - wpa92a5c1aNeben der Faszination des Schreibens an-sich scheint also eine weitere Triebfeder das eigene Leben zu sein – so banal das auch klingt. Es ist allgemein anerkannt, dass es hilft, seine Gedanken niederzuschreiben, um tägliche Erlebnisse besser verarbeiten zu können – die klassische Form. Dies erklärt aber noch nicht, warum einige Menschen ihre derart niedergelegten Gedanken zudem auch noch der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Reine Selbstdarstellung? Für sogenannte “Prominente” bzw. Personen, die sowieso schon im öffentlichen Leben stehen, mag dies zutreffen. Memoiren überschwemmen geradezu den Büchermarkt, wobei fraglich ist, ob diese selbst konzipiert und verfasst worden sind und ob sie nicht nur dem einzigen Zweck dienen, nämlich Aufmerksamkeit zu erzielen.

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