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Jack Terry’s Fazit

Über Jakub Szabmacher, einen Holocaust-Überlebenden, der sich anläßlich des 65. Jahrestages der Befreiung des KZ’s Flossenbürg an seine “zwei” Leben erinnert – und über das Unbegreifliche.

Erst vor einigen Tagen habe ich mir Gedanken gemacht über die Erinnerung, das Lernen und die Verbindung von Wissen und Begreifen – heute haben diese Begriffe eine für mich ganz andere, vehementere Bedeutung bekommen. Ausgelöst hat diese Gedankenflut eine auf »zdf.neo gesendete Dokumentation über den 1930 in Polen geborenen Juden Jakub Szabmacher, der nach seiner Befreiung aus dem KZ von einer amerikanischen Familie adoptiert wird, seinen Namen ändert – und sein zweites Leben beginnt.

“Eine Identität und dennoch zwei Leben. Aber niemand kann meine ersten 9 Jahre mit meiner Familie auslöschen, das ist mein Leben, das bin ich.”

© Bild http://www.schoah.org/

Natürlich gehörten der Nationalsozialismus und der II. Weltkrieg zum Lehrstoff in meiner Schulzeit – inwieweit uns dies damals aber in der ganzen Tiefe und mit dem Anspruch auf korrekte und ungeschminkte Hintergrundinformationen vermittelt wurde, kann ich heute aus meiner Erinnerung heraus nicht mehr mit Gewissheit sagen und ist wohl eher zu bezweifeln – immerhin lag des Ende des Krieges noch nicht so lange zurück. Ich und wohl auch die meisten meiner Mitschüler haben dies wahrscheinlich nur als eine zeitgeschichtliche Periode zwischen anderen Ereignissen gesehen, die wir zu lernen hatten. Zusätzliches “Wissen” haben wir uns über einschlägige Spielfilme und Romane angeeignet, die damals geradezu “inflationistisch” in die Kinos und die Buchhandlungen kamen; das war irgendwie fesselnd und spannend, ohne jedoch eine tiefere Betroffenheit auszulösen. Dies änderte sich erst, nachdem ich den Film “Nackt unter Wölfen” des damaligen DDR-Fernsehens gesehen hatte. Ich erinnere mich genau; während bei den meisten Filmen zuvor nach Filmende wenig Nachhaltiges zurückblieb, ging mir dieser Film nicht mehr aus dem Kopf. Ich war danach sehr ruhig, wollte nicht wie sonst über die wichtigsten Szenen sprechen – obwohl ich die “Fakten” in der Schule gelernt hatte, konnte ich zum ersten Mal nicht begreifen, was ich gesehen hatte, was da passiert war und wie das passieren konnte!
In den Jahren danach – und es hat Jahre gedauert – habe ich immer wieder eine Antwort auf diese Frage gesucht, auch angeregt und unterstützt durch die immer offener werdende Diskussion in der Öffentlichkeit, in den Medien und in der Literatur. Ich habe die Dimension dieser Verbrechen begriffen, den Flächenbrand, der von Deutschland ausging und daß auch noch danach im 20. Jahrhundert Völkermorde und Verbrechen gegen die Menschlichkeit passierten und auch heute noch passieren – aber eins habe ich immer noch nicht begriffen: wie war das möglich, damals, und wieso kann sowas auch heute immer noch geschehen? Ich habe viele kleine Bausteine gefunden, aber noch nicht die Antwort auf diese Frage!

Einen weiteren Baustein, der wegen seiner ernüchternden Konsequenz betroffen machen muss, haben mir die Schilderungen und Gedankengänge von Jack Terry geliefert.

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Vergangenheit + Gegenwart

Jedes Jahr, mit den ersten Sonnenstrahlen eines Vorfrühlings, überfällt mich der Drang, mich auf die Terrasse zu setzen und zu lesen. Noch dazu muss es ein Buch sein, das ich noch nicht gelesen habe – so eine Art Neuanfang.

Wie üblich stelle ich mich also vor mein Bücherregal, mein Blick fällt auf einen unscheinbar weißen Buchrücken mit übergroßer Schrift – Christa Wolf “Kindheitsmuster; vor Jahren gekauft und immer noch nicht gelesen. Schon auf den ersten Seiten fällt mir auf, das ist eine andere Christa Wolf, nicht einfach zu lesen. . . und einige Sätze auf den ersten 2 Seiten erinnern mich an einen Notizzettel, den ich irgendwann einmal geschrieben habe.
Ich habe die Angewohnheit, überall in der Wohnung Zettel herumliegen zu lassen, auf die ich spontan etwas notiere, was mir zu diesem Zeitpunkt wichtig oder bemerkenswert erschien. Letztens fand ich einen Zettel, auf dem nur vier kryptische Wörter, mit Pfeilen verbunden, zu lesen waren: ›› Vergangenheit – Alter – Erinnerung – Gegenwart ‹‹. Es kommt zwar selten vor – aber in diesem Fall wusste ich nichts mehr damit anzufangen, weder mit dem Wortzusammenhang an-sich, noch damit, warum ich die Wörter überhaupt notiert hatte?

„Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?“

Auf einmal hatte ich wieder verstanden, warum ich diese Wörter notiert hatte, bereits auf den ersten Seiten von Christa Wolf’s Buch – so, wie diese sie gebraucht und in Zusammenhang gebracht hat. Wolf arbeitet in diesem (auch autobiographischen) Roman in der Person der Nelly Jordan die Jahre des Faschismus, die Erinnerung daran auf; der Roman “Kindheitsmuster” – erstmals erschienen 1976 im Aufbau-Verlag – gehört auch heute noch zu den interessantesten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus.
Losgelöst von dieser Thematik fällt noch ein anderes, fast schon eigenständiges Thema – und hier wird das Buch dem eigenen Titel “Kindheitsmuster” voll gerecht – bzw. Muster auf, nämlich der Umgang mit der Erinnerung als solches, unabhängig von Geschehnissen und der eigenen Person. ››Kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in sein späteres Leben dringen – auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen in ihm erzeugt hat, die er am liebsten vergessen und leugnen möchte, zuerst vor sich selbst.‹‹ Geradezu analytisch webt Wolf hier ein Netz rund um die Erinnerung und das Gedächtnis, den Umgang damit, die Einflussgrößen und das zögerliche Herantasten an die Vergangenheit, das Abwägen und Verdrängen, bewusst und unbewusst – es geht darum, wie wir uns an was erinnern!
Dies erklärt auch, warum Christa Wolf hier eine andere Sprache findet, ja finden musste, im Vergleich zu anderen Werken von ihr. Durch diese Art der Herangehensweise schafft sie es, auch die mitzunehmen, die schon etwas “müde” sind, sich mit dem Thema Nationalsozialismus zu befassen – denn die eigene Erinnerung, das Verstehen, was wir warum erinnern, fasziniert und beschäftigt alle Menschen seit jeher, lässt sie unablässig nach Antworten und Identifikation suchen – dieses Buch kann Einen mitnehmen auf diese Suche. Mit fortschreitendem Alter rückt die Vergangenheit wieder zunehmend in die Gegenwart vor, wird das “Heute” immer der letzte Baustein der Vergangenheit sein.  Mehr von diesem Beitrag lesen

Schul-Zeit-Blues

Im Nachhinein wird die Schulzeit oft zu der “schönsten, sorglosesten Zeit meines Lebens” verklärt. Dabei dauert es Jahre, bis man zu einem neuen, möglicherweise realistischerem Blickwinkel, findet.

Nach 20 Jahren besucht Henning Sussebach wieder seine ehemalige Schule, das Albert-Einstein-Gymnasium in Bochum, das nach nur 40 Jahren abgerissen wird. Seine Eindrücke und Gedanken fasst er in einem Dossier in der Zeit-Ausgabe vom 22.12.2010 zusammen.
Auf einem alten Schulfoto kann er zu den meisten Gesichtern seiner Mitschüler nicht einmal mehr die Namen zuordnen, die Gesichter seiner ehemaligen Lehrer aber lösen vielfältige Erinnerungen an die damaligen Eindrücke aus – an die vermeintlichen Charakterzüge seiner Lehrer: “mehr Marke als Mensch”.

“In einigen Gesichtern meiner Lehrer entdecke ich eine Verletzlichkeit und Scheu, die ich als Schüler niemals wahrgenommen habe.”

Für Sussebach war die Schule nur Durchgangsstation, wie generell für die meisten Schüler; für die Lehrer aber war es ein Ort, an dem sie blieben, bleiben mussten. Er macht sich auf die Suche, möchte erfahren, ob und wie das Verschwinden dieses Ortes die “Ehemaligen” berührt und inwieweit seine eigenen damaligen Vorstellungen mit den Lebenslinien seiner Lehrer – die ihm damals das Leben erklärten – heute in Einklang zu bringen sind.
Da ist der Lateinlehrer, Herr K., “so etwas wie der Schulbeauftragte für Sekundärtugenden” . Seinetwegen haben Kinder die Schule verlassen, und heute? Jemand, der 40 Jahre lang den Epikureern folgend im Verborgenen, hinter einer Rüstung verschanzt, lebte – unbemerkt von seinen Schülern, wie Sussebach jetzt erkennen muss. Oder Herr Z., der Deutschlehrer, den man heute wohl dem “linksalternativen” Milieu zuordnen würde und der für Sussebach mit “seiner Prinzipientreue zum Urmeter meiner moralischen Maßstäbe” wurde. Nicht umsonst heißt es ja “Für das Leben lernen wir”. Frau L. – Sport und Kunst – war mit 28 Jahren die jüngste Lehrerin. Sie gibt zu, daß sie lernen musste, ihre Ansprüche zurückzuschrauben. Sie erzählt von Selbstzweifeln, von den ehemaligen Kollegen, dem gemeinsamen Altern und wie einige brachen, wunderlich wurden, über die Alkoholprobleme von anderen.

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