Theorie + Praxis

“Menschliche Erkenntnis, soweit sie über die bloße Konstatierung des hic et nunc Gegebenen hinausgeht, ist theoretische Erkenntnis.” (Kösel-Verlag © 1974)

[BB9000_00009] "Existenz" Der Begriff ››Theorie‹‹ (aus dem griechischen theorein = schauen) wird allgemein den philosophischen Grundbegriffen zugeordnet. Dementsprechend zahlreich sind die Begriffs-Definitionen und die Abhandlungen zu diesem Thema. Im Laufe der Zeit wurde dieser Begriff zunehmend von der Wissenschaft, insbesondere von den Naturwissenschaften vereinnahmt, um ihn aus dem “rein Spekulativen” herauszulösen und durch die Bestimmung allgemeiner Gesetzmäßigkeiten und der daraus resultierenden Ordnung in der “objektiven Realität” zu verankern. Die Gegenposition der Geisteswissenschaft manifestierte sich letztendlich in der “Erkenntnistheorie”, die ca. um 1830 als eigenständiges Teilgebiet der Philosophie ausgewiesen und maßgeblich von den Neukantianern vorangetrieben wurde. In der marxistisch-leninistischen Philosophie wurden verstärkt die Auswirkungen bei der Betrachtung eines Objektbereichs auf das Subjekt “Mensch” mit einbezogen, indem die Theorie als “die wichtigste Grundlage für das bewußte, zweckmäßige und zielstrebige Handeln der Menschen sowohl in der praktischen wie theoretischen Tätigkeit” definiert wurde.
Ob dieses klassische Dilemma zwischen Theorie und Praxis durch all diese Ansätze jemals aufgelöst wird, darüber kann sich jeder selbst seine Meinung bilden, wenn man sich ein Zitat von Theodor W. Adorno, dem Verfechter der “kritischen Theorie”, vor Augen führt: Er sei, so sagte er, ein “theoretischer Mensch”. “Mein Denken”, fügte er damals [wenige Monate vor seinem Tod] hinzu, “stand seit jeher in einem sehr indirekten Verhältnis zur Praxis.”

Unabhängig von diesem Dilemma kann man aber davon auszugehen, daß jede “objektive Theorie” aufgrund der methodologisch gewonnenen Erkenntnisse ein “subjektives Etwas” in Form von Handeln – wobei auch das Nicht-Handeln eine Handlung ist – zum Vorteil oder zum Nachteil des “Subjekts Mensch” bedingt und auslösen kann, und damit direkt auf seine Existenz, jede Existenz einwirkt – zumindest theoretisch.

[122_172.1] Wenn es nur noch ein Urteil gibt, dann gibt es nur noch einen Menschen.

[122_172.2] Wer sich, weil er über einen bestimmten Gegenstand etwas erfahren will, die Theorie eines anderen aneignet und sie so, wie sie liegt und steht, als wahr nimmt und seinem Handeln zugrunde legt, hat nie existiert.

[122_172.3] Jemand, der im Wettbewerb mit einem anderen eine Theorie entworfen hat, die der Theorie des anderen unmittelbar widerspricht, und der seine Theorie aufgibt, die Theorie des anderen so, wie sie liegt und steht, als wahr nimmt und sie seinem weiteren Handeln zugrunde legt, der hört in dem Augenblick, in dem er diesen Schritt vollzieht, auf zu existieren.

“Kongreß” von Ernst-Wilhelm Händler
© 1996 Frankfurter Verlagsanstalt GmbH

Definitionen der “Theorie”:
“… bei den ionischen Naturphilosophen erhält das Wort Theorie den Sinn des geistigen Schauens abstrakter Dinge.”
”… der bios theoretikos des Aristoteles ist das ››der denkenden Betrachtung der Dinge‹‹ gewidmete Leben.”
”… Theorie bedeutet heute im Gegensatz zur bloßen Empirie jede wissenschaftliche Wissens-Einheit, in welcher Tatsachen und Modellvorstellungen … zu einem Ganzen verarbeitet sind … ›› in der die Tatsachen in ihrer Unterordnung unter die allgemeinen Gesetze erkannt und ihre Verbindungen aus diesen erklärt werden ‹‹.”
”… Im Vertrauen auf die Geordnetheit alles Weltgeschehens gilt eine Theorie für umso zutreffender, je einfacher sie ist.“

aus: “Philosophisches Wörterbuch”
herausgegeben von Georgi Schischkoff
© 1991 Alfred Kröner Verlag, Stuttgart

Goodbye Facebook? | Gastbeitrag |

Goodbye Facebook – Von Lambizzel – 11.03.2011, 12.00 Uhr

„Schon längere Zeit hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mich von Facebook zu verabschieden – aus ähnlichen Gründen, weshalb ich mich vor Jahren von meinem Fernseher getrennt hatte … “ So beginnt ein Artikel im ZEIT-Leserblog – und es wird Zeit, sich ein paar Gedanken zu machen.

“ – ich beobachtete mich dabei, Zeit zu verschwenden, in eine Welt abzudriften, die mich davon abhält, mein Leben zu leben, aber dennoch einen Bezug zu diesem herstellt, um eben diese Tatsache zu verschleiern. Wie eine subtile Sucht hatte es sich damals als Selbstverständlichkeit getarnt, den Fernseher anzuschalten, beim Essen, abends, oder wenn man einfach nur (wie passend) die Formulierung abschalten möchte. Verstumpfung, Substituierbarkeit, aber vor allen Dingen eklatante Passivität haben mich damals diesen, für mich großen Schritt gehen lassen. Wieso groß? Ich habe gern ferngesehen, mehrere Stunden täglich verbrachte ich vor der Kiste. […] Die Abschaffung des Fernsehers war zwar letztlich das Ergebnis einer rationalen Überlegung, aber sie war auch Selbstschutz. Wenn ein Fernseher da ist – dann benutze ich ihn auch, zappe wahllos von einer Quizshow zur anderen, suhle mich in gesellschaftlichen Abwärtsvergleichen, analysiere Sendungskonzepte, fiebere mit Serienstars mit.“

Es wird spannend sein, herauszufinden, wie hier der weitere Bogen zu Facebook gespannt wird – wobei es aus meiner Sicht Sinn macht, Facebook nur als Synonym für die Sozialen Medien, das Web 2.0, insgesamt zu sehen, nur so ließe sich ein allgemein gültiger Bezug herstellen. Den Ausführungen über das Fernsehen ist ansonsten nichts hinzuzufügen, niveaulos und ohne Konzept … eben Zeitverschwendung – man kann also Lambizzel nur zu seiner Entscheidung beglückwünschen.
Ein anderer Aspekt des Fernsehens ist aber interessant, und der ist in der historischen Entwicklung zu sehen. Vor der Zeit des Fernsehens gab es – neben den Printmedien – nur das Radio; hier unterhielt, informierte man sich, hatte Zugang zur Welt, zu einer anderen Welt. Mit dem Fernsehen verstärkte sich dies noch, zu der Musik und dem gesprochenem Wort kam das Bild hinzu, bewegte Bilder sind allemal suggestiver als die reine „Wortinformation“ – das Radio wird heute nur noch von eingeschworenen Fans oder als Hintergrundgeräusch wahrgenommen. Und heute haben wir das Internet, in seiner Fortentwicklung das Web 2.0 als eine Alternativwelt – mit möglichen Auswirkungen auf das Fernesehen, wie es dieses seinerzeit auf das Radio hatte. Und dies liefert auch den ersten Bezug zum Thema: ein Medium ist in die Jahre gekommen und wird von einem anderen, dazu noch interaktivem Medium nicht unbedingt verdrängt, aber überholt – aber wo liegen die Unterschiede, was ist gleich, was wiederholt sich?   Mehr von diesem Beitrag lesen

Briefeschreiben – nur eine Tradition?

Sorry, ein Tintenklecks

Esslingen, den 18. März 2011

Mein Lieber “Freund”

ich sitze hier in meiner Lese-Ecke ohne zu lesen und träume vor mich hin – ich denke an Dich und darüber nach, warum wir in letzter Zeit so selten Kontakt zueinander haben. Du magst jetzt einwenden, dass wir doch regelmäßig Meldungen im Netz austauschen, aber das ist nicht, was ich meine. Wann haben wir uns das letzte Mal ausgetauscht, miteinander beschäftigt? Vielleicht sollte ich Dir ‘mal einen Brief schreiben in der Hoffnung auf eine ebensolche Antwort – Nein, falsch, ich schreibe Dir einfach! Da kann ich Dir gleich über mein neuestes Lesevergnügen berichten, so wie früher, als wir unseren Briefen immer lange Listen mit “unbedingt lesen …” beigefügt haben.

Du erinnerst Dich an das Regal gleich rechts von meinem Esstisch? Da habe ich jetzt mein “Sammelsurium” eingerichtet; so nenne ich sämtliche Bücher, die irgendwie thematisch in den anderen Regalen nicht einzuordnen sind. Auf dem Brückenflohmarkt letztes Jahr habe ich mir die 3-bändige Ausgabe des Briefwechsels zwischen Schiller und Goethe gekauft – die steht auch im Sammelsurium; jedesmal beim Frühstück schaue ich darauf und irgendwann habe ich angefangen, darin zu blättern, zu lesen, habe mich immer weiter darin vertieft: es war ein Erlebnis! Danach wurde es fast zu einer Manie, bei jedem Stadtbummel habe ich in Briefwechseln in Buchform geblättert und natürlich auch einige gekauft.
Du weißt wie begeistert ich von Hannah Arendt bin, dieses klare Denken und diese präzise Sprache; Du wirst überrascht sein, wenn Du ihren Briefwechsel mit Karl Jaspers – besonders ihre Briefe aus den Anfangsjahren 1926/27 liest: ihr Denkstil war bereits erkennbar, aber der Schreibstil – fast devot und unterwürfig, sehr überraschend.
Und dann F. Scott Fitzgerald und seine Zelda – Du kennst ja den Lebenslauf der Beiden, das chaotische Leben, das sie führten. Bezeichnenderweise heißt das Buch mit ihren Briefen“Lover!”. Wenn man diese Briefe gelesen hat (“. . . der größte Teil des Lebens ist sowieso ein Wiederaufwärmen der Tragödien und des Glücks, aus denen es bestand, bevor wir angefangen haben, nach Gründen dafür zu suchen.” Zelda 1934), versteht man, wie Bücher wie “Zärtlich ist die Nacht” oder “Die Schönen und Verdammten” entstehen konnten.

Ich höre Dich schon sagen “Ist doch alles Schnee von gestern!” – weit gefehlt, in den letzten Jahren waren kurzzeitig sogenannte Romane in Briefform im Aufwind. Da ist z. B. Antonio Tabucchi (ja, genau der Tabucchi von “Erklärt Pereira”) – in seinem Buch “Es wird immer später” reflektiert der Briefeschreiber sein Leben, in 18 Briefen an ehemalige Lieben, tote, verschwundene, erfundene … Mein Tipp: je 1 Brief vor dem Einschlafen und Du schläfst beseelt und glücklich ein.
Aber als besonderes Buch möchte ich Dir “Reich der Verluste” von Erika Pluhar (ausgebildete Schauspielerin am Burgtheater Wien) ans Herz legen. Ich habe einiges von ihr gelesen, aber das ist das Beste. Es fängt banal an: Magda “die Schwermütige auf der fernen Insel” schreibt an die Hausmeisterfrau Maria, weil sie das Fenster in ihrer Wohnung bei ihrer Abreise hat offenstehen lassen. Daraus entsteht ein intensiver Briefwechsel, über den Magda zu ihrem Leben zurückfindet – und Maria die Lust am Schreiben, die Macht der Wörter entdeckt: “was immer sie erobert oder gewonnen haben, ihr verschwiegenes Leben kreist um das Entbehrte, um die Verluste”.

Fange mit dem letzten Buch an und dann schreibe mir Deine Eindrücke und Gedanken dazu – muss ja nicht unbedingt handschriftlich sein, nutze ruhig Deinen geliebten iPad – aber bitte mit Umschlag und Briefmarke!

Alles Liebe, Dein (momentan etwas nostalgisch gestimmter) V.

 

Am Beispiel Japan

Vor einigen Tagen hat sich in Japan eine Katastrophe ereignet,  deren Ausmaß sich niemand, der nicht davon betroffen ist, auch nur annähernd vorstellen kann. Unser lokales Fernsehen bemüht sich jedoch nach Kräften, dieses Informations-Manko zu beheben und versorgt uns permanent “live” mit den neuesten Meldungen zum aktuellen Stand der Dinge . . . oder?

Es war ein Erdbeben der Stärke 8,9 – gefolgt von diversen, kleineren Nachbeben und einem Tsunami mit meterhohen Wellen. Die ersten Bilder zeigten eine unvorstellbare Zerstörung an der Nordostküste Japans bis weit hinein ins Landesinnere. Die weltweite Betroffenheit und Anteilnahme war immens, verständlich, schließlich war es eine der schwersten Katastrophen, die Japan je getroffen hatte. In den Nachrichten und in den diversen Sondersendungen, die umgehend ausgestrahlt wurden, sah man Politiker, Moderatoren, Experten, Prominente … die entsprechend dem Anlass ein Statement ihrer persönlichen Betroffenheit abgaben – da schlich sich irgendwie ein Unbehagen ein, eines, dass abseits des eigentlichen Anlasses begründet war und mich irgendwie an eine Passage gleich auf der ersten Seite des Buches Mit mir, ohne mich” von Karl-Markus Gauß erinnerte: “Als ich den Fernseher einschaltete […], war ein grinsender Mann zu sehen. […] Erst mit den nächsten Bildern […] erfuhr ich, was geschehen war. Seit Vormittag brannte es im Tunnel, eine nicht bekannte Zahl von Menschen war verbrannt, erstickt […]. Nicht dass es ihn freute, dass Menschen gestorben waren! Aber die mediale Präsentation hatte sich von ihrem Anlass emanzipiert, […].“ Das war das Unbehagen – erst die angemessen zur Schau gestellten “Betroffenheitsmienen”, danach eine sich verselbstständigende Art und Weise der TV-Berichterstattung, eine “Erwartungseuphorie”, die auf den nächsten “Höhepunkt” zusteuerte.

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Social Media vs. Journalismus

charlie-sheen via @journalistics-blogErin Everhart: „There’s no denying where most of us get news. Michael Jackson’s death, the Hudson River plane crash, Charlie Sheen finally going off the deep end: all things that I found out about first on Twitter. And with the political unrest spreading throughout the Middle East and Africa, Twitter has played an integral role in telling those people’s stories when most of the traditional communication methods were blocked.“
„Social media has an ever-more influential position in the disseminating and the consumption of news and information, and it strikes me as odd that I get assaulted from my more mainstream journalism friends with accusations that I’m letting my journalism degree go to waste by being a digital marketer. If journalism is defined as the researching, reporting, and writing of news and information that appeals to popular taste and is then presented through the media (Webster’s words, not mine), then how could you deny social media being a element of journalism?“

Im ›› Journalistics-Bloghabe ich einen interessanten Beitrag gefunden, der mich aufgrund der Fragestellung „How Is Social Media Not Journalism?“ etwas ins Grübeln gebracht hat – eine eindeutige Antwort habe ich bisher nicht gefunden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es zu dieser Frage genauso viele Antworten gibt, wie es Blogs und Soziale Medien und sonstige journalistische Arbeiten im Netz gibt – also warum nicht das Thema zur Diskussion stellen, um gemeinsam Antworten auf die Kernfragen von Erin Everhart zu finden:

What do you think?

  • Is social media an element of journalism?
  • Should social media practitioners have that vital journalism and communications training?

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Buchtipp: Rilkes Landschaft

Der Vorfrühling löst so eine gewisse Stimmung aus, die vielleicht auch wieder Lust auf ein bißchen Lyrik macht. Da bietet sich ein schmales Bändchen aus dem Insel Verlag an ›› Rilkes Landschaften ‹‹ – eine Auswahl von Gedichten, illustriert in Aquarellen von Regina Richter, einer Malerin aus Hamburg, und mit einem Nachwort von Siegfried Unseld. Meine Empfehlung: in die Tasche stecken, sich draußen eine Bank in der Sonne suchen – und genießen!

Vorfrühling

100_0697_LiBiWe_Frühjahr05 Härte schwand.
Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Schneeglöckchen L1010395_ji Rainer Maria Rilke
Rilkes Landschaft”  ‹‹ Link:
insel taschenbuch 588
© 1979 Insel Verlag Frankfurt/Main
ISBN 978-3-458-32288-7

Zitat Buchrücken:
“Ein präzis-wunderschönes Bilderbuch ist entstanden. Die Genauigkeit der Empfindung ist das Wunderschöne, die Machart, im wörtlichen Verstande, und die Sinnesart, im anderen, übertragenen Sinn.” (Karl Krolow)