Kategorie-Archiv: Literatur

Das Geheimnis des Glücks

© ››Druckfrisch‹‹ in der ARD vom 01.05.2011 An Michel Houellebecq scheiden sich sicherlich die Geister, jetzt ist sein neues Buch ›› “Karte und Gebiet”eine Satire auf den Kunst- und Medienbetrieb – erschienen. Unabhängig davon, wie man zu seinen Büchern steht, es ist interessant, diesem Mann und seinen Gedankengängen zuzuhören und ihm dabei ins Gesicht zu schauen; in der Sendung ››Druckfrisch‹‹ vom 01.05.2011 in der ARD interviewt Denis Scheck den Autor:

Denis Scheck: Ist heute ein guter Tag, um sich umzubringen?

Michel Houellebecq: … normalerweise bringen sich die Leute am Montag um … eine Erklärung dafür lautet, […] es sei schwierig am Leben der Welt teilzunehmen, weil sie sich zu schnell bewege, deshalb werden die Leute am Montag mutlos, weil da die Welt nach der Sonntagspause wieder auf Hochtouren läuft – am Montag spüren sie, dass sie es nicht schaffen werden, mit der Welt Schritt zu halten …  

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Buchtipp: Rilkes Landschaft

Der Vorfrühling löst so eine gewisse Stimmung aus, die vielleicht auch wieder Lust auf ein bißchen Lyrik macht. Da bietet sich ein schmales Bändchen aus dem Insel Verlag an ›› Rilkes Landschaften ‹‹ – eine Auswahl von Gedichten, illustriert in Aquarellen von Regina Richter, einer Malerin aus Hamburg, und mit einem Nachwort von Siegfried Unseld. Meine Empfehlung: in die Tasche stecken, sich draußen eine Bank in der Sonne suchen – und genießen!

Vorfrühling

100_0697_LiBiWe_Frühjahr05 Härte schwand.
Auf einmal legt sich Schonung
an der Wiesen aufgedecktes Grau.
Kleine Wasser ändern die Betonung.
Zärtlichkeiten, ungenau,

greifen nach der Erde aus dem Raum.
Wege gehen weit ins Land und zeigens.
Unvermutet siehst du seines Steigens
Ausdruck in dem leeren Baum.

Schneeglöckchen L1010395_ji Rainer Maria Rilke
Rilkes Landschaft”  ‹‹ Link:
insel taschenbuch 588
© 1979 Insel Verlag Frankfurt/Main
ISBN 978-3-458-32288-7

Zitat Buchrücken:
“Ein präzis-wunderschönes Bilderbuch ist entstanden. Die Genauigkeit der Empfindung ist das Wunderschöne, die Machart, im wörtlichen Verstande, und die Sinnesart, im anderen, übertragenen Sinn.” (Karl Krolow)

Vergangenheit + Gegenwart

Jedes Jahr, mit den ersten Sonnenstrahlen eines Vorfrühlings, überfällt mich der Drang, mich auf die Terrasse zu setzen und zu lesen. Noch dazu muss es ein Buch sein, das ich noch nicht gelesen habe – so eine Art Neuanfang.

Wie üblich stelle ich mich also vor mein Bücherregal, mein Blick fällt auf einen unscheinbar weißen Buchrücken mit übergroßer Schrift – Christa Wolf “Kindheitsmuster; vor Jahren gekauft und immer noch nicht gelesen. Schon auf den ersten Seiten fällt mir auf, das ist eine andere Christa Wolf, nicht einfach zu lesen. . . und einige Sätze auf den ersten 2 Seiten erinnern mich an einen Notizzettel, den ich irgendwann einmal geschrieben habe.
Ich habe die Angewohnheit, überall in der Wohnung Zettel herumliegen zu lassen, auf die ich spontan etwas notiere, was mir zu diesem Zeitpunkt wichtig oder bemerkenswert erschien. Letztens fand ich einen Zettel, auf dem nur vier kryptische Wörter, mit Pfeilen verbunden, zu lesen waren: ›› Vergangenheit – Alter – Erinnerung – Gegenwart ‹‹. Es kommt zwar selten vor – aber in diesem Fall wusste ich nichts mehr damit anzufangen, weder mit dem Wortzusammenhang an-sich, noch damit, warum ich die Wörter überhaupt notiert hatte?

„Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?“

Auf einmal hatte ich wieder verstanden, warum ich diese Wörter notiert hatte, bereits auf den ersten Seiten von Christa Wolf’s Buch – so, wie diese sie gebraucht und in Zusammenhang gebracht hat. Wolf arbeitet in diesem (auch autobiographischen) Roman in der Person der Nelly Jordan die Jahre des Faschismus, die Erinnerung daran auf; der Roman “Kindheitsmuster” – erstmals erschienen 1976 im Aufbau-Verlag – gehört auch heute noch zu den interessantesten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus.
Losgelöst von dieser Thematik fällt noch ein anderes, fast schon eigenständiges Thema – und hier wird das Buch dem eigenen Titel “Kindheitsmuster” voll gerecht – bzw. Muster auf, nämlich der Umgang mit der Erinnerung als solches, unabhängig von Geschehnissen und der eigenen Person. ››Kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in sein späteres Leben dringen – auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen in ihm erzeugt hat, die er am liebsten vergessen und leugnen möchte, zuerst vor sich selbst.‹‹ Geradezu analytisch webt Wolf hier ein Netz rund um die Erinnerung und das Gedächtnis, den Umgang damit, die Einflussgrößen und das zögerliche Herantasten an die Vergangenheit, das Abwägen und Verdrängen, bewusst und unbewusst – es geht darum, wie wir uns an was erinnern!
Dies erklärt auch, warum Christa Wolf hier eine andere Sprache findet, ja finden musste, im Vergleich zu anderen Werken von ihr. Durch diese Art der Herangehensweise schafft sie es, auch die mitzunehmen, die schon etwas “müde” sind, sich mit dem Thema Nationalsozialismus zu befassen – denn die eigene Erinnerung, das Verstehen, was wir warum erinnern, fasziniert und beschäftigt alle Menschen seit jeher, lässt sie unablässig nach Antworten und Identifikation suchen – dieses Buch kann Einen mitnehmen auf diese Suche. Mit fortschreitendem Alter rückt die Vergangenheit wieder zunehmend in die Gegenwart vor, wird das “Heute” immer der letzte Baustein der Vergangenheit sein.  Mehr von diesem Beitrag lesen

Buchempfehlung: Max Frisch

“Entwürfe zu einem dritten Tagebuch”, Suhrkamp 2010, ISBN 978-3-518-42130-7

Einem Zufall ist es zu verdanken, dass diese Notizen aus den Jahren 1982/83 veröffentlicht wurden: Der Stiftungsrat des Max-Frisch-Archivs hat eine Kopie dieser Aufzeichnungen von der ehemaligen Sekretärin Frisch’s erhalten und publiziert, obwohl Frisch sein Handexemplar und alle Spuren und Vorarbeiten vernichtet hat, also dieses Tagebuchfragment mit großer Wahrscheinlichkeit nicht zur Veröffentlichung autorisiert hätte.
Dies wäre allerdings ein Verlust gewesen, denn es “ist durchaus lustvoll, wie der alternde Autor sich zusieht beim Hinüberdämmern in einen anderen Zustand schöner Kraftlosigkeit”, wie Die Zeit schreibt. Frisch bleibt auch hier seinem Anspruch treu; das Tagebuch als Komposition, als literarische Kunstform, in dem jeder Eintrag in Beziehung zu den anderen Einträgen steht – wie bereits in den Tagebüchern für den Zeitraum 1946 – 1971. Etwas jedoch ist anders – die Einträge sind persönlicher, geben einen tieferen Einblick in das “Seelenleben” eines 71-jährigen, der müde ist, zunehmend gleichgültig den Dingen gegenüber, aber gerade in dieser Müdigkeit den Weg zur Freiheit und Gelassenheit findet. Das ist es, was dieses Fragment so lesenswert macht, “das Zugrifflose, das Zarte und Herbstmilde dieser Texte”.

weiterführender Link Die Zeit #15 – 08.04.2010

Leben als Oase –
der Tod als die Wüste ringsum –
Woher will ich das wissen? –
© Max-Frisch-Archiv, Suhrkamp

imageSchade, dass es dem Verlag nicht gelungen ist, das Buch entsprechend zu präsentieren. Insgesamt ist das Buch irgendwie lieblos gestaltet; ärgerlich ist, dass jedem Eintrag eine eigene Seite gewidmet ist, sodass teilweise nur zwei Zeilen auf einer Seite zu lesen sind. Eine Möglichkeit wäre gewesen, die jeweilige Anmerkung im Anhang direkt bei der Tagebuchnotiz zu zeigen; ebenso gehört das Nachwort nach vorne, als Vorwort! Aber sei es drum – die Gestaltung sei nur am Rande erwähnt – wer Max Frisch mag und mehr über sein Innenleben und seine persönlichen Gedankengänge erfahren möchte, sollte dieses Buch unbedingt lesen.