Kategorie-Archiv: Gesellschaft

„Unangemessen großer Einfluss“

In seiner Ausgabe 39/2012 veröffentlicht Der Spiegel ein Interview unter diesem Titel mit Manfred Güllner zu dessen neuem Buch und seiner darin geäußerten Meinung über die Partei der Grünen … bevor ich daran ersticke, muss ich dazu ein paar Gedanken loswerden …

Die Grundthese von Güllner ist, dass die Grünen eine Gefahr für die Demokratie sind. Zitat: »Die “grüne Diktatur” gefährde “den zweiten Versuch, die Demokratie in Deutschland dauerhaft zu etablieren”.« Das ist starker “Tobak” und man will natürlich wissen, welche Argumente Güllner für diese These ins Feld führt?

Also, … der Ursprung der grünen Bewegung liegt in der Weimarer Republik … einem radikalisierten Teil der deutschen Mittelschicht … die Grünen können nur aufgrund der schwindenden Wahlbeteiligung so stark auftrumpfen, sie unterminieren die Demokratie, weil sie die Wähler vergraulen und damit die Wahlbeteiligung gezielt niedrig halten … und das alles mit Unterstützung von Wissenschaftlern und “einem großen Teil der deutschen Massenmedien” … Soweit in Kurzform der Tenor der Aussagen – mehr braucht man dazu nicht anzuführen, um aufzuzeigen, wie verquer dieses Gedankengut ist und das ist auch nicht der eigentliche Punkt.
Wir kennen den Öffentlichkeitsdrang all dieser »Güllners und Sarrazins« und die Taktik, die Auflagen der eigenen Bücher zu steigern; es gibt eben zu viele »Heilsbringer + Experten« in unserer Gesellschaft, die uns alle zu Demokraten machen und uns zeigen wollen, wie das geht.

© Maurice Weiss_Der Spiegel 39/2012Nein, der eigentliche, bemerkenswerte Punkt ist die Position des Herrn Güllner als Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa!
Dort wird ja Meinung gemacht oder zumindest beeinflusst und dies auch – man höre und staune – mit “wissenschaftlich-medialer Unterstützung”. Da kann man schon ins Grübeln kommen, in welcher Form diese Forschungen möglicherweise durchgeführt, ausgewertet und interpretiert dann letztendlich der Öffentlichkeit kundgetan werden, wenn der Chef dieser Institution eine derartig einseitige und wohl auch haltlose (persönliche) Meinung in die Welt hinausposaunt.

Beenden wir meine Gedankenspiele mit dem letzten Satz des Herrn Güllner aus dem Interview: “Ihr Einfluss ist so gesehen unangemessen groß”. Ist dieser Satz nur auf die Partei bezogen oder könnte man ihn nicht auch personenbezogen verstehen bzw. anwenden?!

Am Beispiel Japan

Vor einigen Tagen hat sich in Japan eine Katastrophe ereignet,  deren Ausmaß sich niemand, der nicht davon betroffen ist, auch nur annähernd vorstellen kann. Unser lokales Fernsehen bemüht sich jedoch nach Kräften, dieses Informations-Manko zu beheben und versorgt uns permanent “live” mit den neuesten Meldungen zum aktuellen Stand der Dinge . . . oder?

Es war ein Erdbeben der Stärke 8,9 – gefolgt von diversen, kleineren Nachbeben und einem Tsunami mit meterhohen Wellen. Die ersten Bilder zeigten eine unvorstellbare Zerstörung an der Nordostküste Japans bis weit hinein ins Landesinnere. Die weltweite Betroffenheit und Anteilnahme war immens, verständlich, schließlich war es eine der schwersten Katastrophen, die Japan je getroffen hatte. In den Nachrichten und in den diversen Sondersendungen, die umgehend ausgestrahlt wurden, sah man Politiker, Moderatoren, Experten, Prominente … die entsprechend dem Anlass ein Statement ihrer persönlichen Betroffenheit abgaben – da schlich sich irgendwie ein Unbehagen ein, eines, dass abseits des eigentlichen Anlasses begründet war und mich irgendwie an eine Passage gleich auf der ersten Seite des Buches Mit mir, ohne mich” von Karl-Markus Gauß erinnerte: “Als ich den Fernseher einschaltete […], war ein grinsender Mann zu sehen. […] Erst mit den nächsten Bildern […] erfuhr ich, was geschehen war. Seit Vormittag brannte es im Tunnel, eine nicht bekannte Zahl von Menschen war verbrannt, erstickt […]. Nicht dass es ihn freute, dass Menschen gestorben waren! Aber die mediale Präsentation hatte sich von ihrem Anlass emanzipiert, […].“ Das war das Unbehagen – erst die angemessen zur Schau gestellten “Betroffenheitsmienen”, danach eine sich verselbstständigende Art und Weise der TV-Berichterstattung, eine “Erwartungseuphorie”, die auf den nächsten “Höhepunkt” zusteuerte.

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Missverständnisse + falsche Wortwahl

Es zeigt sich wieder einmal deutlich – die richtige Wortwahl macht manchmal nur einen kleinen Unterschied aus, kann aber einen ganz anderen Blick auf Fakten und Geschehnisse eröffnen.

Das Wort “Politikverdrossenheit” ist mittlerweile zu einem festen Begriff in unserer Gesellschaft geworden, und das nicht erst seit der schlechten Performance von Schwarz-Gelb. Ab und zu hört man aber auch auch Stimmen, die von einer “Politiker-Verdrossenheit” sprechen, was den Kern der Probleme eigentlich besser trifft. Wenn man diesen Ansatz weiterdenkt, fallen einem sofort weitere Wortkombinationen ein, die einen kleinen, aber feinen Ackermann © dpaUnterschied ausmachen: Beispiel Finanz- bzw. Bankenkrise – die Bank ist doch nur eine Institution, Verursacher der Krise aber waren doch in erster Linie die Verantwortlichen an der Spitze dieser Institution, die “Bänker”. Ein weiteres Beispiel ist der Zustand unseres öffentlich-rechtlichen Fernsehens (sh. auch ›› Sex + Crime); es ist aber nicht das Fernsehen, es sind vor allem die “Macher”, die Menschen in den Sendeanstalten und in der Politik hinter dem Programm. Diese Auflistung könnte man wahrscheinlich unbegrenzt fortführen – die Quintessenz dahinter wird aber immer lauten: es geht um die Macher, meist im negativen, aber natürlich auch im positiven Sinne. Dies führt aber auch zu einem irritierenden Phänomen, das nur schwer aufzulösen ist.

Ein gutes Beispiel dafür in diesen Tagen ist die Plagiats-Affäre um zu Guttenberg. Unser Verteidigungsminister steht seit Monaten unangefochten ganz vorn in der Beliebtheitsskala unserer Politiker. Nicht, dass er im Vergleich zu den anderen Politikern eine herausragende Politik gemacht hätte, im Gegenteil, die internen Probleme in seinem Verantwortungsbereich haben sich in letzter Zeit gehäuft, jedoch ohne dass dies seinen Beliebtheitswert in der Bevölkerung gravierend geschadet hätte. Und genau hier zeigt sich das Phänomen, der Unterschied zwischen Politik- und Politikerverdrossenheit; der Politiker wird nicht als solcher wahrgenommen, sondern meistens nur als Person. Nicht erst seit unserem “Medien”-Kanzler Schröder steht die Person, und nicht seine Politik im Vordergrund – solange sich die Person nur vorteilhaft in den Medien positioniert, ist alles in Ordnung – auch, weil der Boulevard hier nur zu gerne mitspielt. Jetzt aber haben die Medien ein Thema gefunden, das noch mehr Aufmerksamkeit verspricht – die Plagiatsvorwürfe gegen zu Guttenberg. Die Bugwelle, die dieses Thema nun in den klassischen Medien, aber auch in den Neuen Medien, im Internet auslöst, ist gigantisch und begräbt alles andere unter sich, also auch die politischen Affären – wer spricht denn jetzt noch von Gorch Fock, Kundus etc. – veraltet, weil nicht mehr interessant in der Öffentlichkeit. Die Person, deren Bild man in der Öffentlichkeit mit viel Wohlwollen mit aufgebaut hat, wird nun mit genauso viel Hype an den Pranger gestellt.

Und dies ist das irritierende an diesem Phänomen, das Dilemma: Wenn irgendwo ein Mißstand publik wird, müsste man eigentlich bei den Verantwortlichen ansetzen, um das Übel sozusagen an der Wurzel zu packen. Andererseits sollte man sich davor hüten, z. B. Politik nur aufgrund des Verhaltens einzelner Personen zu beurteilen oder gar die eigene Wahlentscheidung an der Person aufgrund persönlicher Sympathie / Antipathie festzumachen, unabhängig von der Partei und des politischen Programms, das dahintersteht. Und dies trifft weitestgehend auf sämtliche gesellschaftlichen Ereignisse zu. Es sind Personen oder Personenvereinigungen, die die Verantwortung tragen: in das öffentliche Bewusstsein dringt aber nur das Ereignis als solches ein, ein Faktum – wenn sich aber Personen dahinter dennoch in den Vordergrund drängen, dann aufgrund ihres persönlichen Auftretens, meist losgelöst von dem Ereignis, das sie initiiert und zu verantworten haben.

Somit wird dieses Phänomen irgendwie nicht greifbar, es bleibt in der Wortwahl bei der Politikverdrossenheit, der Verantwortung im Dunst der Verallgemeinerung, was es ermöglicht, dass Verantwortliche eben nicht zur Verantwortung gezogen werden, so weitermachen können wie bisher. Andererseits wird der Öffentlichkeit trotzdem das Gefühl gegeben, dabei zu sein, gehört zu werden und mitmachen zu können – sei es auch nur, indem diese ein “Zeichen setzen” kann, wenn auch nur auf einem Nebenschauplatz, der geschickt in das Zentrum gestellt wird – und solange die Medien dabei gerne weiterhin mitspielen, wird sich daran auch nichts ändern.

Schul-Zeit-Blues

Im Nachhinein wird die Schulzeit oft zu der “schönsten, sorglosesten Zeit meines Lebens” verklärt. Dabei dauert es Jahre, bis man zu einem neuen, möglicherweise realistischerem Blickwinkel, findet.

Nach 20 Jahren besucht Henning Sussebach wieder seine ehemalige Schule, das Albert-Einstein-Gymnasium in Bochum, das nach nur 40 Jahren abgerissen wird. Seine Eindrücke und Gedanken fasst er in einem Dossier in der Zeit-Ausgabe vom 22.12.2010 zusammen.
Auf einem alten Schulfoto kann er zu den meisten Gesichtern seiner Mitschüler nicht einmal mehr die Namen zuordnen, die Gesichter seiner ehemaligen Lehrer aber lösen vielfältige Erinnerungen an die damaligen Eindrücke aus – an die vermeintlichen Charakterzüge seiner Lehrer: “mehr Marke als Mensch”.

“In einigen Gesichtern meiner Lehrer entdecke ich eine Verletzlichkeit und Scheu, die ich als Schüler niemals wahrgenommen habe.”

Für Sussebach war die Schule nur Durchgangsstation, wie generell für die meisten Schüler; für die Lehrer aber war es ein Ort, an dem sie blieben, bleiben mussten. Er macht sich auf die Suche, möchte erfahren, ob und wie das Verschwinden dieses Ortes die “Ehemaligen” berührt und inwieweit seine eigenen damaligen Vorstellungen mit den Lebenslinien seiner Lehrer – die ihm damals das Leben erklärten – heute in Einklang zu bringen sind.
Da ist der Lateinlehrer, Herr K., “so etwas wie der Schulbeauftragte für Sekundärtugenden” . Seinetwegen haben Kinder die Schule verlassen, und heute? Jemand, der 40 Jahre lang den Epikureern folgend im Verborgenen, hinter einer Rüstung verschanzt, lebte – unbemerkt von seinen Schülern, wie Sussebach jetzt erkennen muss. Oder Herr Z., der Deutschlehrer, den man heute wohl dem “linksalternativen” Milieu zuordnen würde und der für Sussebach mit “seiner Prinzipientreue zum Urmeter meiner moralischen Maßstäbe” wurde. Nicht umsonst heißt es ja “Für das Leben lernen wir”. Frau L. – Sport und Kunst – war mit 28 Jahren die jüngste Lehrerin. Sie gibt zu, daß sie lernen musste, ihre Ansprüche zurückzuschrauben. Sie erzählt von Selbstzweifeln, von den ehemaligen Kollegen, dem gemeinsamen Altern und wie einige brachen, wunderlich wurden, über die Alkoholprobleme von anderen.

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Veränderung

Gibt es einen besseren Zeitpunkt als einen Jahreswechsel, um über Veränderungen nachzudenken und zu schreiben? Es ist ja schon fast zu einem Ritual  geworden, dass man sich viel für das neue Jahr vornimmt, Wünsche und Veränderungen – aus individueller Sicht hin zum Positiven.
Auch Obama hatte das Thema “Change” zu seinem Wahlkampfthema gemacht, generell ein Lieblingsthema der Politiker – in jedem Wahlkampf wird der notwendige Wandel propagiert, es muss sich was ändern, damit es Allen zukünftig besser geht. Aber die Erfahrung hat gezeigt, es ändert sich meistens nichts – oder?

Ein Rundgang durch die Innenstadt nach Neujahr ist sehr entspannend, die Fußgängerzone wie ausgestorben, man kann ungestört bummeln und schauen. Die Geschäfte und viele Restaurants haben geschlossen, auch bei meinem Bäcker sind die Rollos heruntergelassen – aber etwas ist anders, das Schild im Fenster: “Time to say Goodbye”! Ich stehe da, schaue ungläubig, das kann doch nicht sein? Familienbäckerei, ein kleiner Laden, in dem sich Verkäuferinnen und Kunden gegenseitig auf den Füßen standen, gute Ware, immer voll. Hier hat sich zum Jahreswechsel also eine Veränderung ergeben. Zum Positiven? Für mich und die anderen ehemaligen Kunden, die Angestellten, die Stadtkultur?

Es geht mir nicht aus dem Kopf, dieses eigentlich banale Ereignis. Ich gehe weiter – da, der Optikerladen steht auch leer; im ehemaligen Eiscafe Lido ist jetzt ein “Coffee-Shop” – noch einer . . . Warum ist mir das nicht schon früher aufgefallen? Die meisten Veränderungen passieren scheinbar einfach so, meist unbemerkt, im Kleinen, kontinuierlich und permanent. Die wenigen Menschen, die mir begegnen – ich schaue in ihre Gesichter, versuche darin zu lesen. Hat sich was verändert? Ich kann nichts erkennen. Der Mensch ist von Natur aus immer auf der Suche, nach Neuem, nach ultimativen Erlebnissen – dem “Kick”, wie man es auch sagen könnte. Die Eventkultur, in der jedes noch so banale Ereignis zu einem Spektakel gemacht wird, die Unmenge an Informationen und spektakulären Katastrophenmeldungen, in denen z. B. ein normaler Winter zum Schneechaos hochstilisiert wird, all das trägt diesem Drang Rechnung – und doch hört der Mensch nicht auf, Veränderungen herbeizusehnen. Dabei bemerkt er nicht mehr, was um ihn herum vorgeht, er ignoriert die Veränderungen, die in ihm und um ihn herum bereits laufend stattfinden, fast als würde die Erlebnisflut wie eine Lawine alles Empfinden unter sich begraben.

Eine Veränderung um der Veränderung willen bewirkt nichts – und herbeireden und -wünschen kann man sie schon garnicht, besonders, wenn das Empfinden für den Sinn der Veränderung abhanden gekommen ist. Wenn eine Veränderung etwas hin zum Positiven bewirken soll, müssen wir uns umschauen und hinschauen, um wahrzunehmen, was passiert, was sich hinter dem Spektakel verbirgt – vielleicht haben wir dann eine Chance, negativen Veränderungen entgegenzuwirken und positive Veränderungen voranzutreiben, wenn wir es wirklich wollen. Wenn ich einen Wunsch, einen Vorsatz für das neue Jahr hätte, für mich ganz persönlich, dann – schauen, hinschauen . . . denken . . . abwägen . . . entsprechend handeln!

Moralische Unzweideutigkeit

Die Philosophin Susan Neiman äußert sich nach der Wahlschlappe für die Demokraten in einem Interview zu Obamas Nöten und dem Versagen der amerikanischen Linken.

Nicht dass ich hier die Situation der Linken oder gar die Gefahr eines bevorstehenden Bürgerkrieges postulieren möchte, aber es könnte zumindest eine Mahnung, eine Aufforderung zum Denken und Handeln sein. Wenn man sich die Thesen von S. N. genau durchliest, erkennt man gewisse Parallelen zu der bei uns vorherrschenden Politiklandschaft, wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen. Im Gegensatz zu den USA scheinen sich derzeit weite Teile unserer Bevölkerung auf andere Werte rückzubesinnen und nehmen das konservativ-neoliberale Politikergebaren nicht mehr kritik- und widerspruchslos hin; die allgemein dem linken Spektrum zuzuordnenden Parteien treten dementsprechend zunehmend selbstbewußter auf. Dies hat auch viel mit Moral zu tun – wie man sie definiert, wie man sie kommuniziert – und wie / ob man danach handelt.

Auszug aus dem Interview:

ZEIT: Der Philosoph Richard Rorty hat der amerikanischen Linken vorgeworfen, […] die Liebe zum eigenen Land verloren zu haben?

Neiman: Ich glaube schon. Das war ein Grund, warum ich mein Buch “Moral Clarity” geschrieben habe – auch um die Linke anzuklagen. Sie hat beste amerikanische Werte, die auch in der Bürgerrechtsbewegung präsent waren, einfach aufgegeben.

ZEIT: Moral Clarity, moralische Unzweideutigkeit, ist eine Formulierung von George W. Bush.

Neiman: Sowohl in Amerika als auch in Europa sehen Linke den Appell an die Moral als eine Sache der Rechten. Damit schneiden wir uns ins eigene Fleisch, weil wir die stärksten Begriffe gerade denen überlassen, die geneigt sind, sie zu mißbrauchen. […] Wie Obama sagt: Wenn die Linke nicht zu bestimmten [amerikanischen] Dingen stehen kann, sind wir verloren.

Die Zeit #46 – 11.11.2010, Seite 14
”Wir nähern uns einem Bürgerkrieg”