Zivilisation

Eine Burleske [derb-komisches, possenhaftes Spiel kleineren Umfangs] aus der Welt der »OnlineWesen« mit nicht ganz unERNSTem Hintergrund. Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder noch lebenden Personen mögen bestehen, ist aber nicht von Wichtigkeit, da universal zu verstehen.

Schauplatz – die Agora in Athen. Die altehrwürdigen Bewohner und andere, die sich normalerweise dem agorazein hingeben, meiden diesen Platz – Online-Wesen haben den Platz okkupiert, Andersdenkende sind nicht so gern gesehen. Im inneren Halbkreis sitzen 5 Personen, sowie eine weitere Person etwas zurückgezogen am Tor zur Wandelhalle; aus Vereinfachungsgründen für den Fortgang des Geschehens nennen wir ihn einfach nur »P.«

Zivilisation-Privatheit-FreiheitP. schaut auf ein Bild in seiner Hand, oder genauer, in die Augen der Person auf diesem Bild; er ist tief in Gedanken versunken. Das Bild zeigt eine jüngere Frau, der Frisur nach zu urteilen, ca. aus den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Plötzlich beginnt die Frau zu lächeln, nur ganz leicht, kaum wahrnehmbar und spricht ihn an, der Blick, der Ausdruck in ihren Augen verändert sich dabei nicht: “Was sitzt Du hier und grübelst vor Dich hin? Was beschäftigt Dich? Findest Du mal wieder keine Antworten? Komm, ich gebe Dir einen konkreten Satz zum Nachdenken.”

» Zivilisation ist der Fortschritt hin zu einer Gesellschaft der Privatheit.
Die ganze Existenz des Wilden ist öffentlich, beherrscht von den Gesetzen seines Stammes.
Zivilisation ist der Prozess der Befreiung des Menschen vom Menschen. «

Zivilisation und Kultur – Begriffe in der Kulturphilosophie, genau das, was ihn z. Zt. beschäftigte. Noch bevor P. das Gehörte vollständig einordnen kann, beginnt es auf dem Platz vor ihm zu rumoren. Die Person »GanzLinks« räuspert sich und ruft ihm dann zu: “die Philosophie des Individualismus und des Cocooning (Biedermeier reloaded)” Na ja, nicht gerade hilfreich, aber als Eröffnung akzeptabel …
P. schaut in die Runde; eigentlich hatte er den ersten Kommentar von Belzebub erwartet, der genau in der Mitte zwischen den Anwesenden sitzt. Prompt erhebt sich dieser, schaut in die Runde, um sich seines Publikums gewiss zu sein und speit P. einen inhaltsschweren Satz vor die Füße, der die ehrwürdigen Säulen der Wandelhalle zum erzittern bringt: “Ayn Rand zu zitieren – dazu gehören schon Denkungsweisen, die ich hier nicht näher qualifizieren möchte!”

Alles lacht. P. schaut kurz auf – er war etwas abgelenkt, da er gerade dabei war, eine Antwort für GanzLinks zu formulieren; sein Gesicht drückt Verblüffung und Fassungslosigkeit aus. Nach kurzem Zögern steht er auf und geht auf die Gruppe zu, übergibt GanzLinks einen Zettel, dreht sich um und begibt sich wieder auf seinen Platz. GanzLinks hat sich zwischenzeitlich erhoben und steht in der Haltung eines Dozenten und liest laut den Zettel von P. vor: “Privatheit ist für mich persönlich sehr wichtig und prägt meine Art, wie ich mit den Menschen umgehe – was aber keinesfalls heißt, daß ich mich von den Menschen zurückziehe!”

Alles lacht. P. sitzt gebeugt da und notiert etwas auf einem weiteren Zettel. Nach kurzem Zögern steht er auf und geht auf die Gruppe zu, übergibt Belzebub einen Zettel, dreht sich um und begibt sich wieder auf seinen Platz. Belzebub steht jetzt frontal zu der Gruppe, den Zettel weit von sich gestreckt und liest, nein – deklamiert im Stile eines Volkstribuns: “Ich kann mich erinnern, daß wir dieses Thema schon einmal hatten … nochmals … ich sehe zuerst immer den Satz als solchen, unabhängig von der Person, die ihn geäußert hat; danach versuche ich erst, mehr über die Person zu erfahren, um den Satz besser einordnen zu können.
… Ayn Rand ist sicherlich kein „Monster“ – ihr sog. „Objektivismus“ wird vielleicht durchgängig kritisiert, aber es gibt auch Befürworter, die ihren tugendethischen Ideen durchaus etwas abgewinnen können.”
Dann dreht er sich um, fixiert P. durchdringend und ruft ihm zu: “Willkommen auf der Tea Party”

Alles lacht. P. schweigt. Er nimmt seine Tasche und verstaut Stift und Zettelblock. Er schaut vor sich hin und schweigt. Die Gruppe feiert inzwischen ihren Sieg mit ein paar Flaschen Bier. P. schweigt. Dann steht er auf, schaut zu Belzebub hinüber, versucht, sich seine Empörung nicht anmerken zu lassen und spricht mit ruhiger Stimme – obwohl er weiß, das sein Gegenüber garnicht zuhören will, egal, was er sagen wird: “Also, bloß weil ich Zivilisation + Privatheit schätze und Ayn Rand eine überzeugte Anti-Kommunistin war, stempelst Du mich ab und stellst mich voll in die rechte Ecke? … diese Logik kann ich nicht nachvollziehen. Ich möchte Dich dazu zitieren: „[das ist] schon [eine] Denkungsweise[..], die ich hier nicht näher qualifizieren möchte!“

Alles lacht. Im Hintergrund sitzt eine Person – an etwas überhöhter Stelle – die scheinbar in sich versunken schien und sich bisher an der Debatte nicht beteiligt hatte. Er ist bekannt in dieser Runde, obwohl er aus seinem Namen gerne ein kleines Geheimnis macht, also nennen wir ihn Krypto. Und eben dieser Krypto erhebt sich jetzt und spricht mit sanfter Stimme: “Die angegeben Zitate von Ayn Rand führen in die Isolation und Entfremdung. Das kann man doch nicht gutheißen! »Ihr führt Krieg? Ihr fürchtet euch vor einem Nachbarn? So nehmt doch die Grenzsteine weg – so habt ihr keinen Nachbarn mehr. Aber ihr wollt den Krieg und deshalb erst setztet ihr die Grenzsteine.« Nietzsche” . Immerhin ein Versuch, wieder auf das eigentliche Thema zurückzukommen, aber … Krieg?
P. erhebt sich und erwidert direkt:
Sorry, ich sehe hier den Zusammenhang nicht: Bedeutet ein FÜR das Zitat von A. Rand zu sein, sich GEGEN das Zitat von F. Nietzsche zu stellen?
… und, bedeutet Privatheit und Befreiung zwangsweise Isolation und Entfremdung als logische Konsequenz? Wie steht es mit dem Begriff Zivilisation?”

Alles lacht. Die Veranstaltung läuft langsam aus dem Ruder, es wird turbulenter. Krypto erwidert sofort auf das Gesagte: “Ich sehe da einen klaren Zusammenhang. Das „Befreien des Menschen von Menschen“ ist eine Grenzlegung (In Anlehnung an das Nietzschezitat). Genau das ist Privatheit in meinen Augen – sich sein „Reich“ von der Welt trennen, sprich isolieren (loslösen). Wozu führt das? Zum Rechtsanspruch auf sein Privateigentum -> zur Verteidigung und Behauptung desselben gegenüber anderer Menschen. Man schafft sich seinen potentiellen Feind. Zivilisation a la „homo homini lupus“. Ich persönlich kann dieser Einstellung nichts abgewinnen.”
Daraufhin P.: “In dieser strikten Auslegung könnte man es so sehen, ok. Ich für mich befürworte eine Grenzziehung durch Privatheit (ohne daraus irgendeinen „Rechtsanspruch“ per se abzuleiten; nebenbei, das Privateigentum ist in unserem Grundgesetz verankert). Desweiteren bin ich der Meinung, daß man für sich und in der Gesellschaft (z. B. ethische, moralische, etc.) Grenzen ziehen muss, damit diese für alle funktioniert > „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ auch eine „Grenzziehung“ in unserem Grundgesetz. Last but not least – vielleicht kann man den Teil „Befreiung des Menschen vom Menschen“ auch lesen als „Befreiung des Menschen von sich selbst“, d. h. das Selbst entwickelt sich durch Zivilisation erst hin zum Menschen?!”

Alles lacht. Krypto legt nach: „»vielleicht kann man den Teil „Befreiung des Menschen vom Menschen“ auch lesen als „Befreiung des Menschen von sich selbst“, d. h. das Selbst entwickelt sich durch Zivilisation erst hin zum Menschen?!« Das spricht doch eher für eine Entwicklung weg vom Mensch sein. Inwiefern ist man denn menschlicher wenn man sich vom Menschen abgrenzt?” Auch GanzLinks fühlt sich bewogen, nochmals eingreifen zu müssen: “Traditionelle Gesellschaften waren und sind für den Einzelnen mit Enge verbunden. Da sie gleichzeitig dem Einzelnen auch Halt geben, kann „Befreiung des Menschen vom Menschen“ nicht durch mehr Privatheit erfolgen. Der Mensch lebt von Beziehungen.” P. überlegt kurz – er formuliert im Geist bereits die Antwort an Krypto – und wendet sich direkt an GanzLinks: “. . . ich habe auch nicht das Gegenteil behauptet; schau auf den Zettel, den ich Dir vorhin gegeben habe »… was aber keinesfalls heißt, daß ich mich von den Menschen zurückziehe!«“

Alles lacht. P. versucht konzentriert zu bleiben und wendet sich wieder Krypto zu, um auf die zurückliegende Frage zu antworten: “da gibt es mehrere Varianten, alle unter dem Überbegriff „Zivilisation“ zu sehen – das Selbst als noch nicht entwickelt; Mensch vs. Tier; Menschen als derzeitiges Menschenbild (mit all seinen „menschlichen“ Schwächen) zu verstehen, was nicht immer positiv sein muss; etc. Ich unterstelle Dir mal, daß Du gerne Nietzsche liest; was sagt Dir das Stichwort »Übermensch«?”
Darauf Krypto: “Der Übermensch – Das Leben für die Erde, das sich selbst rollende Rad sein. Hierbei geht es um eine Motivation, ein für sich selbst Dasein im Angriff auf den Gottesglauben. An dem Punkt sehe ich keinen Zusammenhang inwiefern, Nietzsches Übermensch mit der von Rand propagierten „Zivilisation“ zusammen hängt?! Nietzsche spricht sich dafür aus, dass der Mensch mit sich selbst klar kommen muss und dass nur unter dieser Voraussetzung er auch mit Anderen klar kommt. Ich sehe im Übermenschen die höchste Synchronisation von ich und Welt.  Rand geht von der radikalen Individualisierung, sprich der Abgrenzung zur Welt aus. Das Selbst als höchstes Gut im Gegensatz zur Gemeinschaft, zur Welt. Die Tier und Mensch Metapher an dieser Stelle gleichzusetzen halte ich für gefährlich, da Nietzsche sich auf psychologischen Gebiet und Rand sich auf Politischem befindet. Beide haben meiner Ansicht nach eine komplett verschiedene Motivation. Zivilisation definiert er in diesen Zitaten, weshalb ich mich Frage was man großartig dazu sagen soll. Ich persönlich verstehe unter Zivilisation etwas komplett anderes.”

Keiner lacht. Die Gruppe feiert ihren Sieg mit ein paar Flaschen Bier. P. überlegt – also, Krypto versteht unter Zivilisation etwas komplett anderes, weiß aber nicht, was man großartig dazu sagen soll? Und jetzt? Einen letzten Versuch wagen? P. erhebt sich und spricht, er wirkt dabei etwas müde: Was mich verwundert, ist, daß sich hier viel gerieben wird an z. B. „politischer Gesinnung (Rand)“, den Begriffen „Privatheit“ und „Befreiung des Menschen …“ etc.
Wenn ein Zitat beginnt mit „Zivilisation ist …“ dann scheint es doch hierbei um diesen Begriff (innerhalb der Kulturphilosophie!) zu gehen, oder? … zu »Zivilisation« habe ich bisher noch nichts in den Kommentaren gefunden, obwohl ich mehrmals versucht habe, die Sprache darauf zu bringen – woran liegt das?”

Alles lacht. Rechts von Belzebub, halb versteckt sitzt eine weitere Person, die bisher noch nichts gesagt hat. Er erhebt sich, lächelt freundlich und spricht das Thema direkt an: “- steigen wir doch einmal bei „Zivilisation“, „Werte“ & „Systeme“ ein, schauen wir – wie weit wir kommen? You go first.. Sei ruhig ehrlich. Ich mein, „Privatheit“ ist ja auch erst einmal nur Schachtel, darin sehr viel Raum.” P. ist erleichtert, vielleicht kommt man der Sache ja jetzt näher: “Zivilisation als „Wertesystem“ ist doch schon mal ein guter Einstieg … in der auch das Private seinen Platz finden kann … Worum es mir eigentlich ging, ist die Stellung der Zivilisation im Rahmen der Kulturphilosophie – im deutschsprachigen Raum wird Zivilisation relativ strikt vom Begriff der Kultur getrennt, während in anderen Kulturen der Begriff weiter gefasst ist und in enger Relation zum Kulturbegriff gesehen wird?”

Keiner lacht. Keiner spricht. Die Gruppe trinkt Bier. Keiner spricht. P. schaut vor sich hin und wartet. Bald ist Sonnenuntergang. Es wird kühler. Dann erhebt sich Belzebub, streckt sich – und P. erkennt sofort, daß wird das Schlußwort: “Es kann dir unmöglich entgangen sein, dass man mit den Kontexten seiner Zitate identifiziert wird, distanziert man sich nicht deutlich oder erklärt den Rahmen seiner Zitation. Wenn du dich hier als Magnet reaktionärer Diskurse einführst, erzeugst du das Problem, nicht ich oder irgendwer sonst. Das habe ich dir schon einmal zu erklären versucht. Es ist außerdem total naiv zu glauben, in ihrer Privatheit isolierte Menschen würden – anders als die Wilden – nicht von den Gesetzen ihrer Zivilisation beherrscht sein. Ganz im Gegenteil: Sie sind auf dem Höhepunkt ihrer Manipulierbarkeit angekommen.”

P. lacht. Dann mischt sich Traurigkeit in seine Gesichtszüge. Diese ganze Debatte, für was und für wen? Er war der Beantwortung seiner Frage kein Stück näher gekommen, ein “totgerittenes Pferd”. Was nicht heißen soll, daß er nichts gelernt hätte … zu »Zivilisation« fällt dieser Gruppe nichts ein. Er erhebt sich, schaut in Richtung der Weingärten. Er verläßt den Schauplatz … zuhause wird er zuallererst im Lexikon nachschlagen, um eine genaue Definition des Begriffes “Reaktionär” zu erhalten … 

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4 Antworten zu “Zivilisation

  1. AJA 23. Februar 2013 um 23:33

    „Zivilisation ist der Rückschritt hin zu einer Gesellschaft der Illusion der Freiheit.“

    • voe.assnet 24. Februar 2013 um 08:37

      Das jemand Zivilisation generell als Rückschritt bezeichnet, ist eine neue Erkenntnis für mich. Und, ist Freiheit nicht generell eine Illusion und deshalb so erstrebenswert für die Menschheit?

      • AJA 24. Februar 2013 um 14:32

        Ich wollte bloß den Diskussionskreis ein bisschen erweitern. Jede These hat doch die Antithese, oder? Ob diese Person, nennen wir sie „Zivilisationsskeptiker“ zum inneren oder äußeren Kreis gehört, überlasse ich den anderen, aber ich stimme Ihnen dazu, dass die Andersdenkenden nicht so gern gesehen sind. 😉
        Ja, klar, kann man die Zivilisation nicht generell als Rückschritt bezeichnen, aber ich frage mich, zum Beispiel, ob die Inkas und alle anderen amerikanischen Zivilisationen den Vormarsch der westeuropäischen Zivilisation in der „neuen Welt“ als Fortschritt bezeichnen würden.

      • voe.assnet 24. Februar 2013 um 15:24

        Zivilisation ist nicht „gottgegeben“, daran muß man hart arbeiten – womit wir in logischer Konsequenz bei der „Kulturkritik“ sind.

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