Monatsarchive: Februar 2013

Zivilisation

Eine Burleske [derb-komisches, possenhaftes Spiel kleineren Umfangs] aus der Welt der »OnlineWesen« mit nicht ganz unERNSTem Hintergrund. Ähnlichkeiten mit verstorbenen oder noch lebenden Personen mögen bestehen, ist aber nicht von Wichtigkeit, da universal zu verstehen.

Schauplatz – die Agora in Athen. Die altehrwürdigen Bewohner und andere, die sich normalerweise dem agorazein hingeben, meiden diesen Platz – Online-Wesen haben den Platz okkupiert, Andersdenkende sind nicht so gern gesehen. Im inneren Halbkreis sitzen 5 Personen, sowie eine weitere Person etwas zurückgezogen am Tor zur Wandelhalle; aus Vereinfachungsgründen für den Fortgang des Geschehens nennen wir ihn einfach nur »P.«

Zivilisation-Privatheit-FreiheitP. schaut auf ein Bild in seiner Hand, oder genauer, in die Augen der Person auf diesem Bild; er ist tief in Gedanken versunken. Das Bild zeigt eine jüngere Frau, der Frisur nach zu urteilen, ca. aus den 30-er Jahren des vorigen Jahrhunderts.
Plötzlich beginnt die Frau zu lächeln, nur ganz leicht, kaum wahrnehmbar und spricht ihn an, der Blick, der Ausdruck in ihren Augen verändert sich dabei nicht: “Was sitzt Du hier und grübelst vor Dich hin? Was beschäftigt Dich? Findest Du mal wieder keine Antworten? Komm, ich gebe Dir einen konkreten Satz zum Nachdenken.”

» Zivilisation ist der Fortschritt hin zu einer Gesellschaft der Privatheit.
Die ganze Existenz des Wilden ist öffentlich, beherrscht von den Gesetzen seines Stammes.
Zivilisation ist der Prozess der Befreiung des Menschen vom Menschen. «

Zivilisation und Kultur – Begriffe in der Kulturphilosophie, genau das, was ihn z. Zt. beschäftigte. Noch bevor P. das Gehörte vollständig einordnen kann, beginnt es auf dem Platz vor ihm zu rumoren. Die Person »GanzLinks« räuspert sich und ruft ihm dann zu: “die Philosophie des Individualismus und des Cocooning (Biedermeier reloaded)” Na ja, nicht gerade hilfreich, aber als Eröffnung akzeptabel …
P. schaut in die Runde; eigentlich hatte er den ersten Kommentar von Belzebub erwartet, der genau in der Mitte zwischen den Anwesenden sitzt. Prompt erhebt sich dieser, schaut in die Runde, um sich seines Publikums gewiss zu sein und speit P. einen inhaltsschweren Satz vor die Füße, der die ehrwürdigen Säulen der Wandelhalle zum erzittern bringt: “Ayn Rand zu zitieren – dazu gehören schon Denkungsweisen, die ich hier nicht näher qualifizieren möchte!”

Alles lacht. P. schaut kurz auf – er war etwas abgelenkt, da er gerade dabei war, eine Antwort für GanzLinks zu formulieren; sein Gesicht drückt Verblüffung und Fassungslosigkeit aus. Nach kurzem Zögern steht er auf und geht auf die Gruppe zu, übergibt GanzLinks einen Zettel, dreht sich um und begibt sich wieder auf seinen Platz. GanzLinks hat sich zwischenzeitlich erhoben und steht in der Haltung eines Dozenten und liest laut den Zettel von P. vor: “Privatheit ist für mich persönlich sehr wichtig und prägt meine Art, wie ich mit den Menschen umgehe – was aber keinesfalls heißt, daß ich mich von den Menschen zurückziehe!”

Alles lacht. P. sitzt gebeugt da und notiert etwas auf einem weiteren Zettel. Nach kurzem Zögern steht er auf und geht auf die Gruppe zu, übergibt Belzebub einen Zettel, dreht sich um und begibt sich wieder auf seinen Platz. Belzebub steht jetzt frontal zu der Gruppe, den Zettel weit von sich gestreckt und liest, nein – deklamiert im Stile eines Volkstribuns: “Ich kann mich erinnern, daß wir dieses Thema schon einmal hatten … nochmals … ich sehe zuerst immer den Satz als solchen, unabhängig von der Person, die ihn geäußert hat; danach versuche ich erst, mehr über die Person zu erfahren, um den Satz besser einordnen zu können.
… Ayn Rand ist sicherlich kein „Monster“ – ihr sog. „Objektivismus“ wird vielleicht durchgängig kritisiert, aber es gibt auch Befürworter, die ihren tugendethischen Ideen durchaus etwas abgewinnen können.”
Dann dreht er sich um, fixiert P. durchdringend und ruft ihm zu: “Willkommen auf der Tea Party”

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