Das Geheimnis des Glücks

© ››Druckfrisch‹‹ in der ARD vom 01.05.2011 An Michel Houellebecq scheiden sich sicherlich die Geister, jetzt ist sein neues Buch ›› “Karte und Gebiet”eine Satire auf den Kunst- und Medienbetrieb – erschienen. Unabhängig davon, wie man zu seinen Büchern steht, es ist interessant, diesem Mann und seinen Gedankengängen zuzuhören und ihm dabei ins Gesicht zu schauen; in der Sendung ››Druckfrisch‹‹ vom 01.05.2011 in der ARD interviewt Denis Scheck den Autor:

Denis Scheck: Ist heute ein guter Tag, um sich umzubringen?

Michel Houellebecq: … normalerweise bringen sich die Leute am Montag um … eine Erklärung dafür lautet, […] es sei schwierig am Leben der Welt teilzunehmen, weil sie sich zu schnell bewege, deshalb werden die Leute am Montag mutlos, weil da die Welt nach der Sonntagspause wieder auf Hochtouren läuft – am Montag spüren sie, dass sie es nicht schaffen werden, mit der Welt Schritt zu halten …  

Denis Scheck: Was haben Sie von Ihrem Hund gelernt?

Michel Houellebecq: … ich würde sagen, die Vereinfachung … mein Hund interessiert sich ausschließlich für’s Spielen, das Futter interessiert ihn nicht, sodass auch ich angefangen habe, immer dasselbe zu essen – ich habe kein Interesse an Abwechslung … der Hund braucht auch keine Abwechslung, er will jeden Tag das Gleiche tun und daran immer wieder große Freude haben – das ist fast das Geheimnis des Glücks …

›› Link zu: Gesamtinterview vom 01.05.11 mit Michel Houellebecq

Durch Zufall habe ich einen Tag später unbewusst – was ich für mich selbst als die “Bedingtheit des Lesens” bezeichne – Albert Camus’ “Der Mythos von Sisyphos” (Rowohlt Taschenbuch, Juni 1959) wieder in die Hand genommen. Darin befindet sich ein kommentierender Essay von Liselotte Richter über Camus und die Philosophen in ihrer Aussage über das Absurde, aus dem sich in einigen Passagen ein direkter Bezug zu den Überlegungen von M. H. herstellen lässt.
Die Kernfrage im Sisyphos ist ja, ob es sich trotz aller Mühen lohnt, weiterzuleben oder ob man – im Wissen um diese “ewige Mühsal” – seinem Leben nicht durch Selbstmord ein Ende setzen sollte. L. R. führt zur Erläuterung an, das “nur wenn es einen Gott gäbe oder den Glauben an ein Jenseits oder ewige Ideen von Werten, hätte das Leben einen Sinn”. Camus verneint einen solchen Glauben: “Das Herz in mir, das kann ich empfinden und urteilen, daß es ist. Die Welt kann ich berühren und urteilen, daß sie ist. Da muß meine Wissenschaft haltmachen, und der Rest ist Konstruktion”. In diesem radikalen Denken stellt Camus fest, “daß die Welt ohne Sinn und Vernunft ist und das Leben absurd und hoffnungslos. Die ermüdende Monotonie des Alltags läßt nach seinem Sinn suchen und ist das erste Signal der Absurdität”. In dieser von Camus bezeichneten “Monotonie” finden wir Houellebecq wieder, der die Abwechslung nicht braucht und immer dasselbe isst …

Was ich nicht verstehe, ist ohne Vernunft

Camus denkt in dieser Radikalität noch weiter; da es keine Hoffnung gibt, gibt es auch keinen Gott! So radikal wie sein Denken war auch die Konsequenz, die er daraus gezogen hat: “Ein Ekel überfällt uns angesichts des Mitmenschen und unserer selbst, ein Gefühl der ‹malaise› angesichts der Sorgen des Lebens und der Sinnlosigkeit des Leidens […] dass alles Chaos ist”. Daraus resultiert dann auch seine Kernthese über das Absurde, das “immer aus der Konfrontation von menschlicher Aktion und Wirklichkeit” entsteht.
Doch trotz dieser eher negativen Einschätzung – die wohl nicht unbedingt unrealistisch ist – entscheidet sich Camus letztendlich doch gegen die Idee des Selbstmordes als Möglichkeit und für das Denken; die Lage ist zwar ohne Hoffnung, aber kein Grund zu verzweifeln: “Beim Selbstmord hätte ich die falsche Hoffnung, die Absurdität mit mir in den Tod zu nehmen. Aber das Absurde hat seinen Sinn nur, indem man es bewahrt, sich nie mit ihm abfindet, ständig dagegen revoltiert. Der Mensch ist immer die Beute seiner Wahrheit. Wer das Absurde einmal erkannte, muß für immer mit ihm verbunden bleiben, hoffnungslos”.
Eine weitere Begründung für seine Entscheidung definiert er in seiner Forderung nach dem “vivre le plus”, indem er anstelle der Qualität die Quantität des Lebens setzt, “ … nicht am besten leben, sondern am meisten leben, alle Möglichkeiten des Lebens erfassen, das Maximum an Erfahrungen erreichen. Werturteile spielen keine Rolle, nur Tatsachenurteile gelten. Dem frühzeitigen Tode ist deshalb entgegenzuarbeiten. Diese Welt, absurd und ohne Gott, bevölkert sich so mit Menschen, die klar denken und nicht mehr hoffen”.

Ein spannendes Thema, und wer sich damit etwas eingehender beschäftigen möchte, sollte sich vielleicht dazu entscheiden, den neuen Houellebecq zu lesen – und direkt im Anschluss daran den Sisyphos des “Altmeisters”.

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