Goodbye Facebook? | Gastbeitrag |

Goodbye Facebook – Von Lambizzel – 11.03.2011, 12.00 Uhr

„Schon längere Zeit hatte ich mit dem Gedanken gespielt, mich von Facebook zu verabschieden – aus ähnlichen Gründen, weshalb ich mich vor Jahren von meinem Fernseher getrennt hatte … “ So beginnt ein Artikel im ZEIT-Leserblog – und es wird Zeit, sich ein paar Gedanken zu machen.

“ – ich beobachtete mich dabei, Zeit zu verschwenden, in eine Welt abzudriften, die mich davon abhält, mein Leben zu leben, aber dennoch einen Bezug zu diesem herstellt, um eben diese Tatsache zu verschleiern. Wie eine subtile Sucht hatte es sich damals als Selbstverständlichkeit getarnt, den Fernseher anzuschalten, beim Essen, abends, oder wenn man einfach nur (wie passend) die Formulierung abschalten möchte. Verstumpfung, Substituierbarkeit, aber vor allen Dingen eklatante Passivität haben mich damals diesen, für mich großen Schritt gehen lassen. Wieso groß? Ich habe gern ferngesehen, mehrere Stunden täglich verbrachte ich vor der Kiste. […] Die Abschaffung des Fernsehers war zwar letztlich das Ergebnis einer rationalen Überlegung, aber sie war auch Selbstschutz. Wenn ein Fernseher da ist – dann benutze ich ihn auch, zappe wahllos von einer Quizshow zur anderen, suhle mich in gesellschaftlichen Abwärtsvergleichen, analysiere Sendungskonzepte, fiebere mit Serienstars mit.“

Es wird spannend sein, herauszufinden, wie hier der weitere Bogen zu Facebook gespannt wird – wobei es aus meiner Sicht Sinn macht, Facebook nur als Synonym für die Sozialen Medien, das Web 2.0, insgesamt zu sehen, nur so ließe sich ein allgemein gültiger Bezug herstellen. Den Ausführungen über das Fernsehen ist ansonsten nichts hinzuzufügen, niveaulos und ohne Konzept … eben Zeitverschwendung – man kann also Lambizzel nur zu seiner Entscheidung beglückwünschen.
Ein anderer Aspekt des Fernsehens ist aber interessant, und der ist in der historischen Entwicklung zu sehen. Vor der Zeit des Fernsehens gab es – neben den Printmedien – nur das Radio; hier unterhielt, informierte man sich, hatte Zugang zur Welt, zu einer anderen Welt. Mit dem Fernsehen verstärkte sich dies noch, zu der Musik und dem gesprochenem Wort kam das Bild hinzu, bewegte Bilder sind allemal suggestiver als die reine „Wortinformation“ – das Radio wird heute nur noch von eingeschworenen Fans oder als Hintergrundgeräusch wahrgenommen. Und heute haben wir das Internet, in seiner Fortentwicklung das Web 2.0 als eine Alternativwelt – mit möglichen Auswirkungen auf das Fernesehen, wie es dieses seinerzeit auf das Radio hatte. Und dies liefert auch den ersten Bezug zum Thema: ein Medium ist in die Jahre gekommen und wird von einem anderen, dazu noch interaktivem Medium nicht unbedingt verdrängt, aber überholt – aber wo liegen die Unterschiede, was ist gleich, was wiederholt sich?  

›› Wir verlieren den Bezug zu echter Zwischenmenschlichkeit ‹‹

„Das alles musste ein Ende haben, der Einfluss auf mich und mein Leben wurde zu groß, ich hatte das Gefühl, mich nicht wehren zu können. Der Fernseher war allgegenwärtig, eben weil er einen so großen Part unserer Wirklichkeit erfüllte, auch nachdem er abgeschaltet war – er war einfach nicht totzukriegen.
Genauso verhält es sich für mich mit Facebook. Es gehört zum absoluten Standard, einen Account zu besitzen, genauso, wie es heutzutage undenkbar ist, ohne Handy durch die Welt zu rasen. Jetzt ist man nicht nur immer und überall erreichbar, man stellt überdies eine Art Alter Ego online, welches dem Nutzer die Möglichkeit bietet, frei nach dem Schlüsselloch Prinzip Sehen, aber nicht gesehen werden, die Chance bietet, dem eigenen Voyeurismus zu fröhnen. Nicht gesehen werden deshalb, weil ein Facebook-Account ein Abbild von mir ist, eine Projektion dessen, wie ich mich gerne sehen würde, wie ich will, dass andere mich sehen: Intelligente Leute posten Links aus der ZEIT, gutaussehende Menschen haben entsprechende Fotos online, Soziopathen über 300 Freunde – schon mal gefragt, warum sich das so verhält?“

Es gibt ein vergleichbares Muster, wie Lambizzel konstatiert – die Alternativwelt, den Voyeurismus und auch die „Projektion“, z. B. die Huldigung der Promis und des Boulevards im Fernsehen. Aber etwas ist neu; der Fernseher ist eben doch nicht allgegenwärtig, spätestens in der heutigen mobilen Zeit mit Smartphones, Hotspots, Internet-Cafes etc. hat dieser Begriff eine neue Bedeutung bekommen – genauso wie z. B. die Begriffe Freundschaft, soziales Umfeld, Zwischenmenschlichkeit. Und da ist noch etwas, absolut vergleichbares – beide, das Fernsehen und die Sozialen Plattformen sind Wirtschaftsunternehmen; es geht letztendlich auch ums Geld, was auch den teils ignoranten Umgang mit den Zuschauern bzw. Nutzern erklärt.

Die Zeiten, in denen Facebook lediglich als Kommunikationsplattform genutzt wurde, […] sind endgültig vorbei. Facebook gilt heutzutage als die größte Werbeplattform weltweit. […] Mit dem Geld wachsen die Gier, und dadurch die Gefahr.

Noch ein Begriff bedarf der Neudefinition: Anonymität. Wenn ich allein oder auch in Gesellschaft vor dem Fernseher sitze, bin ich auch anonym – interessiert aber niemanden, da ich nicht interagiere, also nicht nur anonym, sondern auch unsichtbar bin. Bei den Sozialen Medien ist dies vergleichbar; zwar muss ich i. d. R. bei der Registrierung meinen Namen angeben, der Nutzername ist meistens jedoch nur ein Phantasiename, hinter dem ich mich verstecken kann. Diese Profil-Anonymität hat eine ganz neue Qualität und ist ein Paradoxum zugleich. Zum Einen ist da das, was wie veröffentlicht wird – es gibt kaum noch Tabus, Mobbing und Häme haben Hochkonjunktur, das Niveau der Beiträge steht dem im Fernsehen um nichts nach. Andererseits macht es nach Umfragen den meisten, vorwiegend jüngeren Nutzern, nichts aus, quasi ihr persönlichstes Inneres komplett offenzulegen – das paradoxe, das sich schon hinter dem Begriff „Profil“ verbirgt, wird entweder nicht erkannt oder eben akzeptiert. Diese Schein-Anonymität ist wie eine Akte, das Profil vergleichbar mit einer „Stasi-Akte“ – alles wird gesammelt und archiviert, auch noch das unwesentlichste Detail, man weiss ja nie, wozu man es noch einmal gebrauchen kann . . . vieleicht ist dieses Abgestumpftsein bereits ein erstes Resultat aus dem Umgang mit diesen Medien, die Bestätigung eines gesellschaftlichen Phänomens . . .?

Das Leben spielt sich virtuell ab. Facebook anzuklicken ist tägliche Routine – ich selbst habe die Seite täglich mindestens sechs Mal aufgerufen. Wenn aber mein Profil anfängt, eigenständig Links zu posten, die ihrerseits Viren verbreiten, 14jährige Mädchen halbnackt in Videos rumtanzen, die ich verbreite, dann geht die Verselbstständigung meines Alter Egos für mich zu weit.

Es ist also Zeit, sich über einiges klar zu werden, auch um sich selbst zu schützen. Den Fernseher abzuschaffen dürfte kein großer Verlust sein – wenn ich einen Film sehen will, gehe ich ins Kino, statt Talkshow lieber Stammtisch mit „echten“ Freunden, Nachrichten gibts halb-stündlich im Radio – ich brauche keine bunten Bilder dazu, um informiert zu sein. Und die „sozialen“ Plattformen? Wenn wir auch nicht wissen, in welche Richtung, diese Entwicklung wird weitergehen – es wird unbestritten die „neue Medienplattform“ sein – und darin liegt die Krux. Man kann sich natürlich auch davon abkoppeln, aber das hieße Komplettrückzug mit dem Effekt, sich eine andere Alternativwelt aufzubauen, wiederum möglicherweise mehr Schein- und Traumwelt als Realität. Wenn man allerdings halbwegs am Leben in seiner Gesamtausprägung teilnehmen möchte, offen für neue Entwicklungen, mit ausgeprägtem Kritikbewusstsein und eigenen Gedankengängen, braucht man eine gemeinsame, in der Gesellschaft verankerte Basis, um sich zu informieren und zu kommunizieren – wie gesagt, es ist unrealistisch, zu meinen. sich jeder neuen Entwicklung verschliessen und dieser ausweichen zu können, es sei denn, man möchte Eremit werden.
Es ist nicht die Plattform, es ist der Umgang damit. Zugegeben, zur Zeit läßt der Umgang der Masse mit z. B. Facebook, Twitter nichts Gutes erahnen – aber was ist mit mir, wie gehe ich selbst damit um? Nur wenn sich immer mehr „user“ diese Frage stellen und die daraus notwendigen Konsequenzen ziehen, anstatt sich komplett zurückzuziehen, besteht die vage Möglichkeit, dass die positiveren Seiten dieser Plattformen an Einfluss gewinnen – ansonsten überlassen wir denen das Feld, die schon das Fernsehen in die Niveaulosigkeit getrieben haben, die sich eingerichtet haben mit dem Werteverlust, dem Boulevard, dem Massen-Hype, der Katastrophen-Mentalität . . . dies alles kann ich z. Zt. für mich persönlich (noch nicht) akzeptieren. Aber wie gesagt, jeder muss seine eigene Entscheidung treffen.

FB mit UsernIch kann nicht abschätzen, wie sich die Plattform weiterentwickelt, aber ich muss ehrlich zugeben, dass mir genau das Angst macht. […] Menschen sollten nicht als Zweck behandelt werden, sondern als Subjekt. […] Man sollte nicht virtuelle Kommunikation mit direkter menschlicher Interaktion verwechseln, und sich ernsthaft fragen – substituiert nicht hier, langsam und subtil, das Eine das andere?

via Goodbye Facebook | Leserartikel | ZEIT ONLINE.
Bitte geben Sie meinem Gastautor die Ehre und lesen Sie den Originaltext – ganz, es lohnt sich!

 

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