Die Macht des Internets

Wie man hört und wohl auch selbst erleben kann, geht im öffentlichen Leben ohne Internet wohl bald nichts mehr, die zur Zeit laufende CEBIT wird diese These wohl eindrücklich bestätigen. Bei dem Wort “Macht” allerdings muss man aufhorchen – eine Irritation aus gegebenem Anlass.

Die Welt steht derzeit Kopf, die Ereignisse überschlagen sich – und die Sozialen Medien sind immer dabei. Die herausragenden Themen der letzten Wochen waren die Umwälzungen in Nahost und Nordafrika, und – zumindest in Deutschland – die “Plagiats-Affäre”. Nachdem die Diskussionen um Wikileaks aus bekannten Gründen in letzter Zeit etwas versandet war, nahmen jetzt die diversen sozialen Plattformen und Blogs die Fährte auf, inklusive der klassischen Medien und des Boulevards, die inzwischen fast auch alle online publizieren.
Es begann mit Tunesien, auf Twitter gab es fast kein anderes Thema mehr, selbst die Anzahl der HashTags war so umfangreich, dass man schnell den Überblick verlieren konnte. Mit Beginn der Demonstrationen in Agypten jedoch bekam die Online-Präsenz eine ganz neue Qualität – zum ersten Mal tauchte der Begriff “Facebook-Revolution” auf, wurde dankbar angenommen und in sämtlichen möglichen Schattierungen weiterverbreitet.

›› . . . aber Hallo, geht’s noch? ‹‹

Unabhängig davon, dass nicht jede Demonstration und jeder Aufstand gleich eine Revolution bedeuten, ist sowohl diese Bindestrich-Bezeichnung in Verbindung mit einer Social Media Plattform als auch die Bedeutung, die damit assoziiert wird, für diese Ereignisse “irgendwie daneben”.

Solche Ereignisse, wie sie in Nahost momentan zu verfolgen sind, werden zuallererst von Menschen erdacht, initiiert, weiter verbreitet und durchgeführt – die Sozialen Medien können dabei nur ein weiterer Multiplikator sein, ein Instrument; so wie sich früher die Indianer mit Rauchzeichen und Trommeln verständigt haben, wird heute eben das Internet genutzt, weil es zeitgemäß, schneller und effizienter ist – mehr nicht! Es kann doch nicht einfach unterstellt werden, dass z. B. sämtliche Demonstranten in Ägypten das Internet nutzen, geschweige denn ein Twitter- oder Facebook-Account haben? Ein weiterer Gesichtspunkt ist, dass die Masse derer, die sich dieses Thema auf die Fahne geschrieben und munter “drauflosgezwitschert” haben, außerhalb von Ägypten leben, also nicht aktiv sondern mehr symbolisch den Aufstand unterstützt haben – die Frage, ob alle diese “Unterstützer” auch wirklich an den Menschen, deren Land und Kultur, interessiert sind oder nur im “mainstream” mitgeschwommen sind um dabei zu sein, wage ich an dieser Stelle nicht zu stellen. Wichtig für die weltweite Sensibilisierung der Öffentlichkeit waren die Nachrichten und Videos, die aus dem Land herausgetragen wurden, nicht jene, die – manchmal ohne Kenntnis der Fakten – außerhalb von Nicht-Betroffenen zirkulierten.
Es geht hier nicht darum, den Einfluss des Netzes herunterzuspielen, ohne diese Unterstützung und den Nachrichtenfluss wäre der Erfolg der Aktionen sicherlich schwieriger und langwieriger zu erreichen gewesen – was die betroffenen staatlichen Institutionen indirekt mit der zeitweisen Abschaltung des Netzes bestätigt haben – aber die Unzufriedenheit der Menschen hätte auch ohne das Netz zu diesem Ausbruch geführt, es waren letztendlich der Wille und das Durchhaltevermögen der Menschen, die zum Erfolg geführt haben.

Der Höhepunkt dieses falschverstandenen Hypes war dann die Verbreitung über die “Plagiats-Affäre” – hochstilisiert bis teilweise zum Unerträglichen. Es gibt verschiedene Gesichtspunkte, die irritierend sind, zuallererst augenfällig, die fast höhere Bedeutung und Vielzahl der “tweets” im Vergleich zu dem Geschehen in Nahost und jetzt Lybien, wo es um Menschenleben und möglicherweise auch gravierende Auswirkungen für Europa geht. Nicht unbedingt irritierend, aber vielsagend: die Art und Weise, wie hier im Netz kommuniziert wird – sich gegenseitig überbietende unglaubliche Wortkreationen und -kombinationen von Leuten, die nur eine Motivation zu haben scheinen, unbedingt aufzufallen, sowie verbale Tiefschläge weit unterhalb der Gürtellinie . . . , aber man hat es hier ja mit einem “Lügner und Betrüger” zu tun, da ist Netiquette unangebracht – und das Netz ist ja so schön anonym, man kann sich hinter der Masse gut verstecken.

Der Wahrheit die Ehre, nachdem der Plagiats-Vorwurf öffentlich geworden war, hat das Netz federführend dazu beigetragen, den Vorwurf zu erhärten – aber auch hier, als technisches Hilfsmittel. Was danach folgte, war ein Online-Dauerbeschuss, der ohne Beispiel ist. Jetzt hat zu Guttenberg die Konsequenzen gezogen und ist gestern zurückgetreten, die einzig richtige Entscheidung – ob zu spät oder nicht, ob mit der richtigen Begründung, warum sollte man sich darüber jetzt noch auseinandersetzen? Sollte man meinen – nicht so jedoch die Netz-Gemeinde. Es wird weitergemacht wie bisher, nachgetreten, jetzt aber mit einer Häme, die völlig unangemessen ist, weil es nicht mehr darum gehen kann, den Rücktritt zu erzwingen oder gar gesellschaftliche Werte hochzuhalten. Es geht nur noch darum, aufzutrumpfen, das Thema weiter auszuschlachten, die Aufmerksamkeit, die man erzielt hat, solange wie möglich aufrechtzuerhalten. Das hat nichts mehr mit Aufklärungsarbeit zu tun, das ist pures Cyber-Mobbing. In einem tweet war zum Beispiel sinngemäß zu lesen: “Das Web erreicht erstmals, dass ein Minister zurücktreten muss”. Jetzt kann man die Frage stellen: Worum geht es denn eigentlich all diesen “Netzaktivisten”, jetzt, nachdem das Ziel des Rücktritts erreicht ist, und vielleicht auch davor – um Werte, um die Sache an-sich, oder um was . . . ? Selbst die klassischen Medien stimmen mit ein, und hier zeigt sich der dritte irritierende Gesichtspunkt. ZDF-Heute Online titelte gestern Abend: #guttbye: Wie viel Netz steckt im Rücktritt?Experte: Ohne Internet wäre Rücktritt so nicht möglich gewesen. Hunderte Nutzer hatten die Doktorarbeit Guttenbergs auf der Seite GuttenPlag Wiki durchsucht. Bei Twitter, Facebook und in Blogs gab es tagelang kein anderes Thema. Erleben wir einen Rücktritt online?” Wieder werden hier Ursache und Wirkung vermischt, dabei könnte man doch meinen, dass gerade in diesem Fall das Gegenteil der Fall sein müßte – haben nicht die “Guttenberg-Pro’s” im Netz die Gegner bei Weitem überflügelt? Bei aller Liebe – und aller Kritik – auch hier steht ein Mensch hinter der Affäre, der Fehler gemacht hat und der letztendlich die richtige Entscheidung getroffen hat.

Es ist müßig, über diese Theorie weiter nachzusinnen – es ist die Aussage dahinter, die Fragen aufwirft. Gelten gesellschaftliche und journalistische Konventionen gar nichts mehr? Zeigt sich hier eine Selbstüberschätzung der Netz-Gemeinde, wie Markus Beckedahl von netzpolitik.org meint? Sicher ist, dass hier eine gesellschaftliche Umwälzung im Gange ist, die noch wenige so richtig begreifen, wo wir alle noch viel zu lernen haben – bei der aber alle mitreden wollen, vorwiegend kritiklos und ohne viel darüber nachzudenken – wie meistens beim erstmaligen Auftreten eines Massenphänomens. Um aber auf die Ausgangsthese zurückzukommen – die Macht des Internets: das Netz ist (noch) offen, somit könnte diese Macht auch im negativen Sinne mit den gleichen Instrumentarien ausgeübt werden, die unter anderem in Nahost zum Positiven eingesetzt wurden, mit dem Zweck, diese zu neutralisieren. Wenn wir nicht etwas aufmerksamer und bewusster mit den Sozialen Medien umgehen, könnte eine Entwicklung in Gang kommen, die keiner will, die aber dann nicht mehr aufzuhalten wäre – bis wir dies endlich bemerken würden, könnte es schon zu spät sein.

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2 Antworten zu “Die Macht des Internets

  1. 20plusfuture 2. März 2011 um 10:20

    Sehr tiefgründig und informativ. Meine Befürchtung bei dem ganzen von Ihnen im Kommentar benannten
    „Massen-Hype“ ist, wir haben noch lange nicht die Spitze des Eisberges erreicht. Deshalb kann ich Ihren letzten Satz nur unterstreichen.
    Auf der anderen Seite müssen wir etwas tun und die Dinge nicht einfach seinen Lauf machen lassen. Wenn das Internet Politker stürzen kann, sollte es doch nicht unmöglich sein die Menschen zum Aufwachen und Nachdenken zu bewegen. Es wird ein steiniger Weg, aber er ist nicht unmöglich zu beschreiten.

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