Grundrauschen #zweinull

Seit einigen Wochen habe ich so eine Art “Bauchgefühl” – irgendetwas läuft da schief!? Letzte Woche fand ich dann in einem Kommentar auf Facebook in einem anderen Zusammenhang den Begriff “Grundrauschen” – jetzt hatte ich auch einen Namen für dieses Bauchgefühl.

Es ist quasi ein Selbstversuch – auf meinem Küchentisch, im Arbeitszimmer, überall werden die Stapel ungelesener Zeitschriften höher. Zuerst habe ich dem nicht so große Bedeutung beigemessen, jetzt bin ich leicht irritiert, denn es gab Zeiten, da war es fast ein Ritual – ausgedehnt frühstücken und dabei Zeitung lesen. Und heute? das Frühstück dient ausschließlich der Nahrungsaufnahme, danach ziehe ich mich entweder mit dem Smartphone in die Leseecke zurück oder gehe sofort ins Arbeitszimmer, um meine “Accounts” und “Feeds” zu checken!

GrundrauschenDas Grundrauschen, oder auch engl. noise floor, bezeichnet das Eigenrauschen eines einzelnen Gerätes […], das lediglich in betriebs-bereitem Zustand ist, aber kein Nutzsignal führt. Ein Faktor, der starken Einfluss auf die Stärke dieses Grundrauschens nimmt ist die Art des Gerätes, ob es sich um ein aktives oder ein passives Gerät handelt.
Je größer die Verstärkung ist, umso deutlicher wird das Grundrauschen wahrnehmbar. Eine […] Möglichkeit [zur Unterdrückung des Grundrauschens] ist die Überdeckung des Grundrauschens mittels des Nutzsignals.

An den Zeitungen oder gar an den Artikeln kann es nicht liegen, es ist also kein “Qualitätsproblem”, denn ich lese zumindest einige Artikel in den Online-Ausgaben; die meisten Zeitschriften habe ich in meinen feeds abonniert. Also ein Zeitproblem? Sicherlich, denn nicht nur der Umfang der zur Verfügung stehenden Informationen hat zugenommen, auch die Informationsquellen sind zahlreicher geworden, speziell im Internet – das kostet Zeit; zwangsläufig hat sich mein Tagesrhythmus den veränderten Bedingungen angepasst. Heinz Bonfadelli nennt dies in seinem Artikel ››Häppchenlesen auf dem Vormarsch‹‹ auf dem Portal TheEuropean.de . . . extensives und selektives Leseverhalten und er konstatiert . . . diese hybriden Formen der Aufbereitung von Informationen sind begrüßenswert […] führen zu umfassenderen Lesekompetenzen. Langsam begreife ich, was mein Bauchgefühl mir sagen will. Mein Leseverhalten ist extensiver geworden, also fehlt mir die Zeit, ganze Artikel zu lesen, mich intensiver damit zu beschäftigen, ok. Andererseits – mit meiner Lesekompetenz war ich bisher eigentlich ganz zufrieden und irgendwie kann ich die Begriffe “Häppchenlesen” und “Lesekompetenz” nicht in Einklang bringen.
Ich führe meinen Selbstversuch fort, wie selektiere ich das, was ich lese? Auf Twitter ist dies sehr einfach, ich suche mir meine “Following’s” je nach Interessenlage selbst aus – aber habe ich auch Einfluss auf die Themen in den jeweiligen tweets? Was ist mit Themen, die nicht “getwittert” werden, weil sie momentan nicht angesagt sind? Keine Chance – das Beispiel der letzten Wochen hat gezeigt, dass selektives Lesen kaum möglich war, beherrschendes Thema war fast ausschließlich die Situation in Ägypten. Nicht, das mich dieses Thema nicht interessieren würde, aber war die Vielzahl der Information auch in der Lage, etwas zu vermitteln und wenn ja, was? Viele Meldungen waren ReTweets oder Verlinkungen auf Blogs und Schlagzeilen in anderen Medien, wobei sich denn doch die Frage stellt, inwieweit die Mehrheit derjenigen, die die Meldungen lanciert haben, in die Tiefe gegangen sind, Hintergründe und Tragweite oder gar die Kultur und die Beweggründe der Menschen vor Ort verstanden haben? Die Antwort hierauf erübrigt sich, spätestens nachdem andere Medien dies als “Facebook-Revolution” tituliert haben – eine Banalisierung, die der Tragweite des Geschehens sicherlich nicht gerecht wurde. Apropos andere Medien – das Fernsehen war auch nicht “selektiver”: Phoenix hat fast rund um die Uhr “live” berichtet, was sich darin zeigte, dass links auf dem Bildschirm stundenlang die Menschen auf dem Tahrir-Platz zu sehen waren – wie Ameisen aus der Vogelperspektive – und “Experten” und Moderatoren tagelang Frage-Antwort-Spielchen betrieben um Antworten auf Fragestellungen und Konstellationen zu suchen, die zu diesem Zeitpunkt noch niemand beantworten konnte. Selektive Kommunikation in Form von extensiver Information, Kenntnis der Schlagzeilen ohne Wissensvermittlung, die auf der Kraft der Bilder beruht, die Bonfadelli als “hybride Aufbereitung von Informationen” (s. o.) bezeichnet?

Das Grundrauschen nimmt langsam, aber stetig an Fahrt auf, durch massenhafte Verstärkung und aufgrund des Mangels eines überlagernden Nutzsignals.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, es geht hier nicht darum, die ››Neuen Medien‹‹ zu verdammen und der guten alten Zeit als einzig zulässiger Wertevorstellung wieder den gebührenden Platz einzuräumen, im Gegenteil: die digitale Zukunft und der damit einhergehende Wandel wird auch zunehmend in eben diesen Neuen Medien thematisiert; so hat z. B. The European – gemäß dem eigenen Mission Statement “Online Meinungs- und Debattenmagazin” – eine neue Debatte über ›› Informationen im Internet eröffnet. Aber auch in den klassischen Medien und natürlich in der Wissenschaft ist das Thema angekommen.

Die Hirnforschung zertrümmert den Mythos des Selbst

Auf 3sat startete am Sonntag eine 4-teilige Diskussionsrunde im Rahmen der Reihe ››Sternstunde Philosophie‹‹ des Schweizer Fernsehens. In dieser ersten Folge diskutierte Richard David Precht mit dem Philosophen Thomas Metzinger, dessen Schwerpunkt die Bewusstseinsforschung ist. Die Sendung insgesamt ist absolut zu empfehlen, nicht nur für Philosophie-Interessierte, die etwas über den neuesten Stand der “Seelenforschung” und der ethischen Moral der Gesellschaft erfahren wollen; auf Basis der neuesten Ergebnisse aus der Hirnforschung wird hier auch über den Bewusstseinswandel in der Gesellschaft, den veränderten Umgang mit Technologien, somit auch den Informationstechnologien, diskutiert. Kernthese ist die begrenzte Ressource Aufmerksamkeit, die verkürzte Aufmerksamkeitsspanne – wie Metzinger es ausdrückt – unter anderem auch ausgelöst durch das Internet, das von außen auf das Bewusstsein eindringt. Zeichen dafür sind der zunehmende Verlust der Lese- und Schriftkultur, Konzentrationsschwächen, die sich im Umgang mit längeren Texten äußern etc. – viele haben Probleme, länger als 90 Minuten offline zu sein; während früher Jugendliche ihr erstes Buch mit 14 gekauft haben, geschieht dies heute bei vielen erst mit 18; da ist etwas ins Rutschen gekommen, was wir noch gar nicht ganz verstanden haben.
All diese Beiträge und Untersuchungen in den Medien und im Netz kommen zu der gemeinsamen Erkenntnis, dass wir uns noch in einer historischen Übergangsphase unserer Kultur befinden, und dass diesem Wandel in unserer Gesellschaft, speziell durch ein Umdenken im Schul- und Bildungssystem, Rechnung getragen werden muss. Interessant ist aber auch ein Grundtenor, der sich für das Pflegen und Bewahren gewisser, althergebrachter Prinzipien ausspricht – dem Lesen lernt man nur durch Lesen, wie es The European ausdrückt, oder, lt. Metzinger, dem Wiederbeleben “altmodischer” Kulturtechniken: So manches Studium, wie z. B. die Philosophie, geht nur über das Lesen altmodischer Bücher, empirisches Informiertsein und Diversität, und nicht nur über Wikipedia.

Was will mir mein Bauchgefühl also sagen, wenn ich es richtig verstanden habe? Das bewusste Erleben wird im Hirn erzeugt, wir tun das mit entsprechenden Begriffen, deren Erläuterung und gesellschaftlichen Interaktionen, sowie sinnlicher Wahrnehmung und innerer Intelligenz. Das bedeutet, ich muss mein eigenes Bewusstsein, mein eigenes Verständnis der Dinge trainieren und immer im Auge behalten, da ich sonst dem dauernden Lern- und Rezeptionsdruck, einer bestimmten Art zu Denken aufgrund der Flut der Informationen nichts entgegenzusetzen habe. Es gilt, nicht nur zu kommentieren – Stichwort “embedded journalism” im Irak-Krieg – sondern zu kommunizieren, zu interpretieren und Sachverhalte klar darzustellen. Das geht nur über Texte und (Schrift-)Sprache; zwar gibt es auch eine Bildsprache, aber diese kann nur als Ergänzung dienen, vorausgesetzt, sie wird richtig eingesetzt. Bild- und Videoinformationen, oder die hybride Aufbereitung von Informationen, um nochmals Bonfadelli zu bemühen, steigert eben nicht die (Lese-)Kompetenz. Dies wird auch deutlich an der Rolle des Fernsehens, dass die sogenannten “digital natives” zunehmend weniger erreichen kann und nunmehr forciert ins Internet drängt, um sich mit Mediatheken an den Video-Hype dranzuhängen; keine Sendung, die nicht mehrmals in Eigenwerbung auf die entsprechende eigene Internetseite verweist. Solange aber die Qualität und die Aussage der Beiträge und Bilder sich nicht ändert, bleibt es nur ein dekorativer Beipack, der entweder den verbreiteten Wunsch nach einem einfachen, geschlossenem Weltbild unterstützt oder dem Vulgärmaterialismus (Metzinger) huldigt – wie auch immer, es erhöht nur das Grundrauschen.

Das Grundrauschen im Internet ist systemimmanent; das Web 2.0 hat aber den ungemeinen Vorteil, dass es von Nutzern getragen wird – wenn also genügend Nutzer das richtige Nutzungssignal aussenden, wird die Nützlichkeit das Grundrauschen überlagern und dieses somit immer weniger hörbar sein.

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5 Antworten zu “Grundrauschen #zweinull

  1. 20plusfuture 3. März 2011 um 11:10

    Sehr gut recherchiert und analysiert. Unsere Anerkennung. Ich kann nicht beurteilen, ob Sie Ihren Artikel bereits anderwertig publiziert haben. Er wäre es allemal wert, da er zum Nachdenken anregt. Über das eigene Tun.
    Möglicherweise haben Sie gestern einen meiner Kommentare in der Zeit gelesen. Darin kritisierte ich, dem gegenwärtigen „Massen-Hype“ (mir gefällt Ihr Zitat) geschuldet, dass sowohl Autoren und Kommentatoren den Quoten nachjagen. Es geht scheinbar nur noch um -wieviel Kommentatoren und wieviel Leserempfehlungen-.
    Die Qualität bleibt m.E. gänzlich auf der Strecke. Anders ist auch nicht nachvollziehbar, dass Ein/Zwei-Zeiler eigentlich nichts ausser Phrasen darstellende Kommentare mit z.B. 40 und mehr Leserempfehlungen versehen werden. Bei den vielen z.B. „Guttenberg-Artikeln“ im redaktionellen Teil ist der Informationswert auf beiden Seiten also sowohl Kommentare als auch die Artikel selbst fast gen null. Vernünftig aufgearbeitet in einigen ganz wenigen Artikeln darstellbar. Die Community als auch der normale Nur-Leser gieren aber förmlich nach immer mehr, immer schnelleren Informationen. Deshalb ist auch die gedruckte Ausgabe mit der Online-Ausgabe „Die Zeit“ nicht vergleichbar. Diese Gier scheint mir aber augenblicklich nicht beherrschbar. Das Netzzeitalter brachte es mit sich. Trotzdem ist es an der Zeit, darüber nachzudenken welche Bewusstseinsänderungen im Userverhalten müssen stattfinden. Mit Ihrem Artikel haben Sie einen sehr guten Ansatz geliefert.

    • voe.assnet 3. März 2011 um 12:20

      Danke für den Zuspruch – Ich habe diesen Artikel auf diversen Plattformen referenziert, aber leider gehört auch zum „Grundrauschen“, dass einzelne Beiträge in dieser Informationsflut nur selten gelesen, geschweige denn, kommentiert werden.

      • 20plusfuture 3. März 2011 um 12:42

        Ja leider. Wir haben uns erlaubt, Ihren Artikel zu verlinken. Die grosse Flut an Lesern und Kommentatoren können wir Ihnen auch nicht garantieren aber unversucht sollte man nichts lassen.
        Sollten Sie dagegen Einwände haben, teilen Sie uns dieses bitte mit.
        Vielen Dank.

  2. Pingback: Kommentar zum Artikel – Grundrauschen#zweinull by voe.assnet « 20plusfuture

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