Vergangenheit + Gegenwart

Jedes Jahr, mit den ersten Sonnenstrahlen eines Vorfrühlings, überfällt mich der Drang, mich auf die Terrasse zu setzen und zu lesen. Noch dazu muss es ein Buch sein, das ich noch nicht gelesen habe – so eine Art Neuanfang.

Wie üblich stelle ich mich also vor mein Bücherregal, mein Blick fällt auf einen unscheinbar weißen Buchrücken mit übergroßer Schrift – Christa Wolf “Kindheitsmuster; vor Jahren gekauft und immer noch nicht gelesen. Schon auf den ersten Seiten fällt mir auf, das ist eine andere Christa Wolf, nicht einfach zu lesen. . . und einige Sätze auf den ersten 2 Seiten erinnern mich an einen Notizzettel, den ich irgendwann einmal geschrieben habe.
Ich habe die Angewohnheit, überall in der Wohnung Zettel herumliegen zu lassen, auf die ich spontan etwas notiere, was mir zu diesem Zeitpunkt wichtig oder bemerkenswert erschien. Letztens fand ich einen Zettel, auf dem nur vier kryptische Wörter, mit Pfeilen verbunden, zu lesen waren: ›› Vergangenheit – Alter – Erinnerung – Gegenwart ‹‹. Es kommt zwar selten vor – aber in diesem Fall wusste ich nichts mehr damit anzufangen, weder mit dem Wortzusammenhang an-sich, noch damit, warum ich die Wörter überhaupt notiert hatte?

„Wie sind wir so geworden, wie wir heute sind?“

Auf einmal hatte ich wieder verstanden, warum ich diese Wörter notiert hatte, bereits auf den ersten Seiten von Christa Wolf’s Buch – so, wie diese sie gebraucht und in Zusammenhang gebracht hat. Wolf arbeitet in diesem (auch autobiographischen) Roman in der Person der Nelly Jordan die Jahre des Faschismus, die Erinnerung daran auf; der Roman “Kindheitsmuster” – erstmals erschienen 1976 im Aufbau-Verlag – gehört auch heute noch zu den interessantesten literarischen Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus.
Losgelöst von dieser Thematik fällt noch ein anderes, fast schon eigenständiges Thema – und hier wird das Buch dem eigenen Titel “Kindheitsmuster” voll gerecht – bzw. Muster auf, nämlich der Umgang mit der Erinnerung als solches, unabhängig von Geschehnissen und der eigenen Person. ››Kein Mensch kann den Wirkungen entgehen oder sich von den Einflüssen trennen, die von seiner Kindheit und Jugend her in sein späteres Leben dringen – auch und gerade, wenn diese Kindheit unter Einflüssen stand und Verhaltensweisen in ihm erzeugt hat, die er am liebsten vergessen und leugnen möchte, zuerst vor sich selbst.‹‹ Geradezu analytisch webt Wolf hier ein Netz rund um die Erinnerung und das Gedächtnis, den Umgang damit, die Einflussgrößen und das zögerliche Herantasten an die Vergangenheit, das Abwägen und Verdrängen, bewusst und unbewusst – es geht darum, wie wir uns an was erinnern!
Dies erklärt auch, warum Christa Wolf hier eine andere Sprache findet, ja finden musste, im Vergleich zu anderen Werken von ihr. Durch diese Art der Herangehensweise schafft sie es, auch die mitzunehmen, die schon etwas “müde” sind, sich mit dem Thema Nationalsozialismus zu befassen – denn die eigene Erinnerung, das Verstehen, was wir warum erinnern, fasziniert und beschäftigt alle Menschen seit jeher, lässt sie unablässig nach Antworten und Identifikation suchen – dieses Buch kann Einen mitnehmen auf diese Suche. Mit fortschreitendem Alter rückt die Vergangenheit wieder zunehmend in die Gegenwart vor, wird das “Heute” immer der letzte Baustein der Vergangenheit sein. 

“ . . . wieviel verkapselte Höhlen ein Gedächtnis aufnehmen kann, ehe es aufhören muss zu funktionieren. Wieviel Energie und welche Art Energie es dauernd aufwendet, die Kapseln, deren Wände mit der Zeit morsch und brüchig werden mögen, immer neu abzudichten. Wirst dich fragen müssen, was aus uns allen würde, wenn wir den verschlossenen Räumen in unseren Gedächtnissen erlauben würden, sich zu öffnen und ihre Inhalte vor uns auszuschütten.“

Für alle, die sich mit dem Thema Nationalismus noch beschäftigen wollen, aber besonders für diejenigen, die Vergangenheit und die Wege der Erinnerung an-sich, aber auch das “eigene Muster” ihres “Heute” verstehen wollen, empfehle ich dieses Buch uneingeschränkt. Ich empfehle aber auch, sich beim Lesen Zeit zu lassen, genau hinzuschauen und ein bißchen mehr in die Tiefe der Erinnerungen zu gehen!

zu "Kindheitsmuster"

Links zu Christa Wolf / dem Buch “Kindheitsmuster“:

– Kurz-Rezension im Literaturforum.de vom 11.09.2010
– Empfehlung von BuchBlog auf twoday.net vom 03. Januar
– Rezension in Der Spiegel vom 10.04.1977
– Rezension auf Anti-Literatur.de vom 10.08.2005
– Vortrag von Dieter Schrey vom 30.11.2009 in Düsseldorf

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