Ein Tag im Jahr

Über den Drang zu Schreiben im Allgemeinen und über Tagebücher im Besonderen.

Es ist wohl ein weltweites Phänomen, dieser innere Drang zu Schreiben – seine Gedanken “zu Papier zu bringen”, wie man wohl in grauen Vorzeiten vor der Internet-Ära mit seinen Weblogs etc. gesagt hätte. Unabhängig von den benutzten Medien und Hilfsmitteln ist dieser Drang ungebrochen – aber warum, was treibt die Menschen dazu an, warum und was schreiben sie?
Ich kann mich erinnern, dass meine Faszination für das Schreiben mit der Ausbildung meiner Handschrift begann; ich war einfach fasziniert von dem, was ich da sah – der Inhalt war zweitrangig. Später entwickelte ich ein Faible zu schönen Stiften und zu bevorzugt in schwarzem Leder gebundenen Notizbüchern, der mich teils gänzlich unmotiviert zum Schreiben verleitete – Schreiben um des Schreibens willen, das handwerkliche, die Tätigkeit als solche, bis dann später das inhaltliche in den Vordergrund trat. Dieser Drang ist bis heute ungebrochen, trotz aller elektronischen Hilfsmittel mache ich mir immer noch Notizen auf Zetteln und PostIt’s – einfach weil es mir Spass macht.

Im Vorspann zu einer 5-teiligen Serie über Schriftsteller und die Veröffentlichung von eigenen Manuskripten auf literaturcafe.de ist folgendes zu lesen: “Etwa eine halbe Million Menschen, so wird geschätzt, sitzen in den Wohnzimmern der Republik vor Laptops oder sogar Schreibmaschinen und verfassen »Romane« Ihr Ansatz: autobiografisch”.

H. A. Denktagbuch - wpa92a5c1aNeben der Faszination des Schreibens an-sich scheint also eine weitere Triebfeder das eigene Leben zu sein – so banal das auch klingt. Es ist allgemein anerkannt, dass es hilft, seine Gedanken niederzuschreiben, um tägliche Erlebnisse besser verarbeiten zu können – die klassische Form. Dies erklärt aber noch nicht, warum einige Menschen ihre derart niedergelegten Gedanken zudem auch noch der Öffentlichkeit zugänglich machen wollen. Reine Selbstdarstellung? Für sogenannte “Prominente” bzw. Personen, die sowieso schon im öffentlichen Leben stehen, mag dies zutreffen. Memoiren überschwemmen geradezu den Büchermarkt, wobei fraglich ist, ob diese selbst konzipiert und verfasst worden sind und ob sie nicht nur dem einzigen Zweck dienen, nämlich Aufmerksamkeit zu erzielen.

Andererseits ist dies sicherlich ein Beweggrund, der auf so ziemlich jeden zutrifft – Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen, etwas eigenes hinterlassen, verstanden und nicht vergessen werden. Jean-Jaques Rousseau drückt dies am Anfang seiner ››Bekenntnisse‹‹” so aus: “Ich beginne ein Unternehmen, welches beispiellos dasteht […] Ich will der Welt einen Menschen in seiner ganzen Naturwahrheit zeigen, und dieser Mensch werde ich selber sein.¹

Die Darstellungsformen von biographischen Inhalten sind vielfältig. Mir geht es hier um die klassische Darstellung – das Tagebuch: Gedanken werden niedergeschrieben während sie entstehen; zwar teilweise noch unsortiert, aber soweit möglich “authentisch” (ich komme später darauf zurück). Memoiren – wie oben angesprochen – und auch die meisten Biographien sind fast ausschliesslich rückwertige Betrachtungen mit Beschönigungen und Auslassungen und dem daraus resultierendem Abgleiten ins Fiktive. Da lese ich lieber einen Roman, zumal den meisten Schriftstellern auch unterstellt wird, autobiographische Begebenheiten in ihren Romanen in mehr oder weniger grossem Umfang mit zu verarbeiten, was m. E. auch zutreffend und logisch ist, da kein Mensch total losgelöst von seinen täglichen Erfahrungen etwas zu Papier bringen kann. Vielfach entsteht die Idee zu einem neuen Roman erst durch die täglichen Beobachtungen und Erlebnisse. Die Zeit schreibt hierzu: “Insofern sind die Journale eigentlich aller bedeutenden Autoren Teil ihres literarischen Werkes¹.

Die Idee, Tagebuch zu führen war bei mir unterschwellig immer vorhanden, aber wie bei Allem bedarf es immer wieder eines Anstosses von aussen, um wirklich aktiv zu werden. Bei mir hat dies “Das Goldene Notizbuch” von Doris Lessing bewirkt; nicht nur, dass ich das Buch selbst sehr gut fand, war die Idee, vier Tagebücher (ebenso wie parallel mehrere unterschiedliche Handlungsstränge) nebeneinander zu führen und diese dann im Goldenen Notizbuch quasi als Synthese zu vereinen, der Auslöser! Ich bin sofort losgezogen und habe diverse Geschäfte nach geeigneten Notizbüchern durchforscht und in für die nächsten 50 Jahre ausreichender Menge gekauft. Noch heute führe ich parallel nebeneinander diverse Notiz- und Tagebücher – handschriftlich, auf meinem PC, meinem Smartphone, im Netz . . . Natürlich haben die guten Vorsätze nicht lange angehalten, aber es gab immer wieder neue Ansätze wie z. B. das Buch von Christa Wolf “Ein Tag im Jahr”,  mit dem sie einem Aufruf der Moskauer Zeitung Iswestija folgte, sie möge den 27. September eines Jahres so genau wie möglich beschreiben; diese Idee reizte sie, sie hat dann aber nicht nur den 27. September 1960 beschrieben, sondern ab diesem Jahr jeden darauffolgenden 27. September genau beobachtet und festgehalten, „mehr als die Hälfte ihres erwachsenen Lebens„. Ich habe versucht, diesem Beispiel zu folgen, das Projekt ist aber nach wenigen Jahren eingeschlafen und es ist nicht viel mehr übriggeblieben als der Titel zu diesem Beitrag, den ich diesem Buch entlehnt habe.

Diese wenigen Beispiele verdeutlichen die Faszination ››Tagebuch‹‹. Was jedoch ein Tagebuch darstellt und wie seine vielfältigen Formen zu interpretieren sind, darüber gibt es unzählige divergierende Meinungen. Tagebücher sind grundsätzlich von der Aura eines Geheimnisses umgeben ¹, und das erweckt Neugier auf unverhüllte Wahrheit. Aber sind sie wirklich die reine Wahrheit, authentisch, die “wahren” Gefühle? Ist nicht schon die Ausformulierung eines Gedankens eine erste Abweichung vom tatsächlich Gedachten? Dies Formulieren ist wohl ein Ausdruck für zumindest das Spielen mit dem Gedanken, jemand anderer könnte das Journal irgendwann einmal lesen – aber der Ursprung des Gedankens ist immer noch erkennbar, weil spontan und somit auch noch als authentisch zu bezeichnen. Ein gutes Beispiel dafür sind die Tagebücher von Franz Kafka, der sogar verfügt hat, dass sein Nachlass nach seinem Tode zu verbrennen ist und dessen Tagebücher Dokumente “der Suche nach äusserster, geradezu gnadenloser Wahrhaftigkeit¹ sind. Das Schreiben von Tagebüchern ist der Rückzug in einen privaten Raum, um unbeeinflusst seine “wahren” Gefühle niederzuschreiben – das Resultat aber, das Geschriebene hat den privaten Raum verlassen und somit eine “objektive Gestalt¹ angenommen.
Ein letztes Beispiel kann helfen, zu definieren, was ein Tagebuch ist oder sein könnte. Wie Doris Lessing fiktiv hat Robert Musil tatsächlich mehrere nach unterschiedlichen Themen geordnete Tagebuchhefte gleichzeitig geführt – zu seinem literarischen Werk, zu allgemeinen und politischen Fragen, zur Selbstanalyse. So könnte man definieren, “das” Tagebuch gibt es nicht, aber Tagebücher sind “Alles” – eben wie das Leben.

Wie immer man zum Schreiben oder zum Lesen eines Journals steht – eins trifft zu, wie Durs Grünbein in einem seiner Arbeitshefte notiert hat: “Jede Lebensgeschichte gibt es nur einmal. Deshalb ist jedes Menschenleben nur auf seine eigene, unwiederbringliche Weise erzählbar¹.

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¹ aus ZEIT Literatur-Beilage März 2010

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Eine Antwort zu “Ein Tag im Jahr

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