Chatroulette – Freiheit ohne Grenzen?

Es ist die Zeit des “AlwaysOn” – auch die des “Alles ist möglich, totale Freiheit im Netz”?
Vor einigen Monaten bin ich auf einen Artikel in der Zeit aufmerksam geworden, der einen Selbstversuch in dem anonymen Netzwerk ››Chatroulette‹‹ beschreibt; seitdem habe ich die Entwicklung sporadisch verfolgt.

© Screenshot: ZEIT OnlineGleich vorweggesagt: Es ist nicht besser geworden und Besserung ist auch nicht in Sicht, wobei hier wohl ebenso die Entwickler angesprochen sind, die zunehmend den kritischen Blick auf das Sinnvolle und (Er-)Tragbare vermissen lassen und nur den Hype (und das Geld) im Auge haben.

Sicherlich, jeder möchte heute dabeisein, mitmachen: Der Drang nach Selbst”entblößung” bis hin zur Selbstverleugnung bzw. hin zum Peinlichen nimmt spätestens seit den soaps, shows + talks etc. bei den TV-Privatsendern ungebremst Fahrt auf, ohne Tabus – seit Web 2.0 auch im Internet.

Trotz aller Warnungen und öffentlichen Diskussionen über die Folgen zu freizügiger Selbstdarstellung im Web geben immer mehr Personen immer mehr von sich Preis. So schrieb der Spiegel in seiner Online-Ausgabe vom 16.02.2010: “Man darf sich über Chatroulette keine Illusionen machen. Allenthalben stößt man auf Ekel- und Schockvideos, unzählige Exhibitionisten, von Teenagern gestotterte Anzüglichkeiten und Beleidigungen. Ohne ausgebildeten Wegklick-Reflex ist Chatroulette eine Qual. Oft ist es brutal, eine Ego-Zumutung: Gaffen und begafft werden, wegklicken und weggeklickt werden, auslachen und ausgelacht werden.” Dies scheint aber die Millionen Besucher – diverse Marktforscher sprechen von 30 Mio. per Februar 2010, zu denen in den Folgemonaten durchschnittlich 1,4 Mio. hinzukamen – nicht weiter zu stören. Einer Untersuchung des Analyseunternehmens RJMetrics vom März 2010 zufolge sind etwa 13 Prozent der Besucher „pervers“ – aber was ist mit den anderem 87%?

Die Besucher sollten sich auch einmal vor Augen führen, welche weiteren Gefahren sich hinter der Nutzung noch verbergen. So gibt es zwischenzeitlich andere Betreiber, die die IP-Adressen und Screenshots “fishen” und per Geotagging auf einer Karte darstellen . . . ?!

Was treibt all diese Menschen, sich dem auszusetzen? Der Spiegel schreibt, das “macht viele Nutzer süchtig” – ebenso ein weiterer Zeit-Artikel vom 29.06.2010, in dem zu lesen ist: “Außerdem erscheint die Website völlig sinnfrei und arg beschränkt. Trotzdem macht sie sofort süchtig” sowie “Y5 ist das neue Chatroulette”. In einem Update schrieb die Zeit: “Inzwischen bietet die Seite keine Bilder mehr. Wer sie aufruft, sieht nur folgenden Text: „Yeah will return. Pre-order the Yeah-manual.“ Der dahinter liegende Link verweist dann darauf, dass es sich bei Yeah um ein Kunstprojekt handele und man ein Handbuch verkaufe, mit dem sich das ››Potenzial der Seite voll ausschöpfen lasse‹‹“.

Es geht also (auch) ums Geldverdienen; der Betreiber von Chatroulette hat es immerhin innerhalb weniger Monate geschafft, aus den Werbeeinnahmen mehrere Server in Frankfurt zu finanzieren, auf denen der Dienst betrieben wird – und er dürfte wohl auch etwas für sich übrigbehalten.

Seit Ende August 2010 soll es eine neue Version des One-on-One Chats geben, welche unter anderem eine Filter-Funktion gegen sexuelle Inhalte und Schock-Werbung enthalten soll. Chatroulette versucht dem Trend der jugendgefährdenden Inhalte wie Pornografie oder Rechtsextremismus entgegenzuwirken. So gibt es mittlerweile einen Button, um Nutzer zu melden. Gehen über einen Benutzer drei Meldungen ein, wird dieser für 40 Minuten gesperrt – dies ist lächerlich und halbherzig!

Welche Schlussfolgerungen kann – sollte – man aus diesem Negativbeispiel eines Sozialen Netzwerkes ziehen? Totale Freiheit – Ja oder Nein? Ich rede hier nicht von Internetzensur, aber es muss etwas geschehen, denn sonst wird der Druck zunehmen und die Befürworter einer Zensur werden vielleicht die Oberhand gewinnen!

Eine freiwillige Verpflichtung der Internetwirtschaft ist zwar medienwirksam und soll die Politik und die Öffentlichkeit beruhigen, bringt aber nicht viel, wie andere Erfahrungen z. B. in der Finanzkrise gezeigt haben. Hier können nur die Kunden und Web-Nutzer, auch in ihrem eigenen Interesse, etwas ausrichten, indem sie die positiven Instrumentarien des Web 2.0 nutzen.
Die Wirtschaft muss sich überlegen, ob sie mit ihrer Werbung mit solchen Webseiten in Verbindung gebracht werden will und der Nutzer kann die diversen Medienkanäle nutzen, um auf diese Verflechtung aufmerksam zu machen. Desweiteren muss der Nutzer mehr seinem Wegclick-Reflex folgen – je weniger Clicks, desto weniger Werbeeinnahmen – und solche Webseiten boykottieren und notfalls brandmarken.

Es geht also nicht um Selbstverpflichtung, sondern um die Wahrnehmung der Eigenverantwortung. Anderenfalls wird eine durchaus positive Entwicklung, wie sie Web 2.0 insgesamt grundsätzlich darstellt, zunehmend diskreditiert oder es findet “eine Rückkehr in die Anfangszeiten des Internets [statt], als Chats noch anonyme Abenteuer in einer sich gerade erst elektronisch vernetzenden Welt bedeuteten, als das Internet noch kein Geschäftsmodell, sondern ein Experimentierlabor war”, wie der Spiegel schreibt.

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